Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Alpen..  Freitag für Freitag stehen gut 40 Helfer der Alpener Tafel vor einer gewaltigen Herausforderung. Um 14.30 Uhr wird das Evangelische Gemeindehaus an der Vorburg zum Warenhaus für Bedürftige. Bis zu 100 Menschen warten dann hier geduldig darauf, dass sie an der Reihe sind, ihre Ration in Empfang zu nehmen. Die Regeln sind eingeübt, alle halten sich dran. Einen einzigen Zwischenfall hat’s hier in den zurückliegenden Jahren mal gegeben: Der endete mit einem Hausverbot. Abgesehen davon, liefert das ehramtlich formierte Team eine logistische Meisterleistung ab. Woche für Woche – und das seit mehr als zehn Jahren.

Am 18. Juni 2004 wurde die Tafel in Alpen ins Leben gerufen. Die Initiative kam aus der Nachbarschaft. In Rheinberg waren Caritas und Diakonisches Werk im Doppel in der sozialen Aktion engagiert. Diakonie-Leiter Bernard Bauguitte hatte die Fühler nach Alpen ausgestreckt. Und hier wurde die Tafel von Anfang an eine im allerbesten Sinne ökumenische Initiative. Und ist es bis heute geblieben. Bauguitte sprach das Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde an, das wiederum nahm sofort Kontakt auf mit dem damaligen Pastor Helmut Grauten von St. Ulrich. Beide Gemeinden tragen die Aktion christlicher Nächstenliebe.

Das Gerüst bilden rund 40 freiwillige Helfer, die meisten sind von Anfang an dabei und haben in ihrem Einsatz nie nachgelassen. Regina Maritzen ist mit 84 Jahren die Älteste. „Wir haben schnell gesehen, dass es auch im schönen, recht wohlständigen Alpen ohne erkennbare soziale Brennpunkte so etwas wie verborgene Armut gibt“, erzählt Pfarrer Dr. Hartmut Becks von der Evangelischen Kirchengemeinde.

Ältere Leute, die von einer sehr kleinen Rente leben müssten, alleinerziehende Mütter ohne Arbeitseinkommen, Familien, die schuldlos in wirtschaftliche Bredouille geraten seien, weil der Ernährer krank geworden sei und seinen Job verloren habe, während die Kredite fürs schmucke Häuschen weiterliefen. Und die Flüchtlinge aus den örtlichen Unterkünften gehören zu den regelmäßigen Kunden. Die kommen aus Alpen, aber auch aus dem Verbund mit Rheinberg, Sonsbeck und Xanten. Insgesamt profitieren bis zu 300 Menschen von der sozialen Aktion.

Die Bedürftigkeit muss nachgewiesen werden. Die Rationen sind gratis. „Wir verzichten bewusst darauf, Geld zu nehmen“, so Doris Pohle, Tafelfrau der ersten Stunde. Wer möchte, kann etwas in die Spendendose tun, wenn er was übrig hat. „Damit sind wir gut gefahren“, sagt Bernd Kloesgen. Der Rentner organisiert das Abholen der Waren – ausschließlich mit privaten Pkw – bei den Discountern und bei den Edeka-Märkten in Alpen, Borth und Rheinberg. Auch die Bäckereien Dahms in Ginderich, Maas in Xanten und Tebart in Sonsbeck gehören zu den Spendern. Hierher kommt auch der Kuchen fürs Café, in dem die Tafel-Kunden freitags warten, bis sie aufgerufen werden, um ihre zugeteilte Ration in Empfang zu nehmen: Obst, Gemüse, Brot... Was man nicht braucht, kann man zurückgeben. Am Ende bleibt nichts übrig.

Das Ganze geschieht „in einem rotierenden System, so dass jeder mal als Erster dran ist“. Zwangloser Austausch mit anderen in ähnlicher wirtschaftlicher Lage bei Kaffee, Tee oder Saft gehört mit zum Angebot. Der Mensch lebt halt nicht vom Brot allein. „Alle fühlen sich wohl bei uns“, sagt Doris Pohle. „Es gibt bei uns keine Bittsteller-Atmosphäre.“ Alles ist durchgeplant. Bevor die Ausgabe starten kann, müssen die Waren sortiert, eventuell verdorbene Einzelteile aussortiert werden. „Es ist ein gutes Gefühl, auch dafür zu sorgen, dass gut erhaltene Lebensmittel nicht einfach weggeschmissen werden“, sagt Doris Pohle. Bernd Kloesgen hebt den besonderen Einsatz von Alt-Landwirt Theo Miß hervor. Er organisiert zuverlässig mit Hilfe von zehn Berufskollegen, dass freitags immer vier große Säcke Kartoffeln und bis zu 300 frische Eier auf Lager sind. „Ich weiß mittlerweile genau, wo der jeweilige Bauer auf seinem Hof die Sachen zum Abholen hingestellt hat“, so Kloesgen. In der Saison gibt’s auch schon mal frischen Spargel.

Viele der Bedürftigen seien dankbar für die Einrichtung, die ihnen das Leben etwas leichter macht. „Einige schicken an Weihnachten Kärtchen“, erzählt Doris Pohle. „Das finden wir schön. Daraus schöpfen wir immer auch einen Schuss zusätzliche Motivation.“ Auch die spürbare Unterstützung der Alpener sei so wichtig wie ermutigend. Bernd Kloesgen erinnert an den Spendenaufruf zum Kauf eines Gartenhäuschens, um darin mal Dinge unterstellen zu können. Damals habe er einen Anruf erhalten, mal in seinen Briefkasten zu schauen. Der Anrufer nannte seinen Namen nicht. Kloesgen tat, wie ihm geheißen. „Und da fand sich ein anonymer Umschlag mit 2000 Euro“, erzählt der Helfer. „Das Gartenhaus war damit mehr als bezahlt.“

Dafür und für die vielen anderen Spenden aus der Bevölkerung ist die Tafel dankbar. „Wann immer wir aufrufen, es kommt was“, berichtet Doris Pohle. Nur die Lebensmittelspenden seien rückläufig. Die Märkte gingen inzwischen umsichtiger mit ihren Beständen um. Dagegen ist nichts einzuwenden.