Am Niederrhein droht Ärztemangel
18.02.2010 | 12:03 Uhr 2010-02-18T12:03:00+0100
Kreis Wesel. Der Landarzt stirbt aus. 17,4 Prozent der Hausärzte, hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein ausgerechnet, seien bereits über 60 Jahre alt. Und Nachfolger sind in ländlichen Gebieten Mangelware. In zehn Kommmunen am Niederrhein droht daher ein Ärztemangel.
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein hat gerechnet und dabei festgestellt:17,4 Prozent der Hausärzte seien bereits über 60 Jahre alt. Nachfolger sind auf dem Land nur schwer zu finden. Heißt im Klartext: In zehn Kommunen am Niederrhein droht ein akuter Haus- und Fachärztemangel. Im Kreis Wesel betrifft dies besonders Sonsbeck, Xanten und Schermbeck. Der Sozialverband VdK am Niederrhein befürchtet hier in den nächsten vier, fünf Jahren Einbußen bei der ambulanten ärztlichen Versorung.
Nicht warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist
Der Verband, der in den Kreisen Wesel und Kleve sowie in Duisburg 16 500 Mitglieder betreut, will nicht warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist, sondern frühzeitig gegensteuern. Dabei kann der VdK, sagen Vorsitzender Horst Vöge, sein Stellvertreter Dieter Hoffs und Geschäftsführer Robert Walter, nur appellieren. Genau wie betroffenen Bürgermeister und Landräte, die der Verband jetzt angeschrieben hat. Aber frei nach dem Motto, dass sie gemeinsam stark sind und die Landtagswahlen vor der Tür stehen, sollen sich die Kommunen einer Resolution anschließen, die die Situation langfristig verbessern soll.
Der erste Schritt: die Grundlagen der Bedarfsberechnungen müssen sich ändern. So betrachtet die KV ja bekanntlich den ganzen Kreis Wesel, wenn es um die Zahl der Ärzte geht. Eine bestimmte Anzahl zum Beispiel von Augenärzten ist für den Kreis vorgesehen. Die könnten sich theoretisch alle in Dinslaken oder Moers ansiedeln, das ist derzeit egal - Berechnungsgrundlage für den Bedarf ist der Kreis.
Auch Nahverkehr berücksichtigen
Kleinere Einheiten, fordert der VdK, und dabei müssten auch die Bedingungen des Öffentlichen Personennahverkehrs berücksichtigt werden. Im Jahr 2025 werden 26 Prozent der Bevölkerung im Kreis Wesel 65 Jahre und älter und damit häufig genug auf den Bus angewiesen sein. Doch wenn der nur im Stundentakt oder noch seltener fährt, kann der Arzttermin schnell zum Tagesausflug werden. Ganz abgesehen von anderen Widrigkeiten beim Arztbesuch: monatelanges Warten auf einen Termin, stundenlanges Sitzen im Wartezimmer und, und, und.
Honoraranreize und Umsatzgarantieren müsse es für Ärzte auf dem Land geben. Denn das sei oft genug ein Argument, Praxen in Städten würden als lukrativer gelten. Das Land fördert bereits die Ansiedlung in ländlichen Regionen mit Summen bis zum 50 000 Euro als eine Art Existenzgründungszuschuss. Dafür muss sich der Arzt verpflichten, auch zehn Jahre am Ort zu bleiben. Wie dramatisch die Situation in Sonsbeck ist, lässt sich an den Zahlen ablesen: In der Perle am Niederrhein gibt es nämlich bereits die Höchstförderung für ansiedlungswillige Ärzte.
Was die Kommunen tun könnten
Kommunen könnten aber auch noch andere Dinge tun, sagt VdK-Chef Vöge. Kranenburg locke bereits mit Prämien, aber es bestehe auch die Möglichkeit, kostengünstig Räume zur Verfügung zu stellen, dem Arzt über die Sparkassen günstige Kredite zu vermitteln, um nur zwei Beispiele zu nennen. Kommunen sollten ein Interesse an einer vernünftigen Arztversorgung haben, sie gelte als weicher Standortfaktor. Noch ist es fünf vor zwölf.
Der VdK am Niederrhein will frühzeitig aufmerksam machen, neue Ärzte gibt es allein schon wegen der langwierigen Ausbildung nicht von heute auf morgen.
07:59
Ich kann das nur bestätigen. Die Prüfungsstelle der KVNO macht die Ärzte mit den sog. Richtgrößen mürbe. Und man hat keine Chance, sich gegen die Flut von Regressen zu wehren. Ich habe letztes Jahr meine Praxis im Kreis Wesel verlassen und bin in die Krankenkassen-Verwaltung gegangen. Ich konnte den Konflikt zwischen guter medizinischer Behandlung und brutalen Sparmaßnahmen nicht mehr aushalten. Die KVNO zahlt sogar Prämien um zu sparen, wenn bestimmte Untersuchungen nicht durchgeführt werden (Wirtschaftlichkeitsbonus). Alles soll nur „wirtschaftlich, ausreichend und notwendig“ sein. Den Richtern ist das egal. Sie entscheiden immer nach dem Grundsatz „bestmöglich“. Diesen Konflikt habe ich jetzt im Büro nicht mehr. Ich habe die Fronten gewechselt: Von den Gequälten zu den Peinigern – nach 14 Jahren in der Kassenarztpraxis. Es war einfach nicht mehr zu ertragen.
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