„Sekundarschule“ voreiliger Schritt in unbekanntes Land
13.12.2011 | 16:02 Uhr 2011-12-13T16:02:00+0100
Olpe/Drolshagen.Das Thema ,Sekundarschule’ beherrscht derzeit die schulpolitische Diskussion auch im Kreis Olpe. Betroffen davon in ganz erheblichem Maß die Realschule Olpe-Drolshagen, mit deren Rektor Gerhard Wertenbach wir über das Thema sprechen konnten.
Herr Wertenbach, fühlen Sie sich von der schulpolitischen Entwicklung der letzten Wochen überrollt?
Wertenbach: Das kann man so sagen, weil wir ja an den Entscheidungsprozessen, die augenscheinlich stattgefunden haben, überhaupt nicht beteiligt wurden. Wir sind relativ spät darüber informiert worden, dass eine Sekundarschule errichtet werden soll. Eigentlich erst durch die Zeitungsberichte, die den Vorstoß der Hauptschule dokumentiert haben.
Wo liegt ihre Hauptkritik an der Schulverwaltung der Stadt Olpe?
Wertenbach: Ich weiß nicht, ob unter den gegebenen Umständen eine Kritik notwendig wäre. Für mich wäre wichtig gewesen, dass man uns in der Vorplanung dieser ganzen Geschichte an den Überlegungen beteiligt hätte. Das ist eben nicht geschehen.
Hatten Sie in den vergangenen Wochen Kontakt mit Ihrer Kollegin der Hakemicke-Schule, Claudia Limper-Stracke?
Wertenbach: Nein.
Kein Anruf?
Wertenbach: Nein, es hat keinen Anruf gegeben.
Enttäuscht?
Wertenbach: Das würde ich schon sagen. Vor allen Dingen, weil der Vorstoß ja sehr eklatant war und eine relativ große Außenwirkung hatte. In der Öffentlichkeit ist so ein bisschen der Eindruck entstanden, dass alles schon festgezurrt wäre und es fest stehe: Die Realschule wird aufgelöst. Und das haben wir dann auch schon von Eltern gehört, die ihre Kinder eigentlich für das nächste Schuljahr bei uns anmelden wollten.
Warum gibt es aus Ihrer Sicht keinen Grund, das bestehende System in Olpe zu ändern?
Wertenbach: Unter den Umständen, die wir hier vor Ort haben, mit einer hervorragend funktionierenden Hauptschule, die ja in den letzten Jahren sehr gestärkt worden ist - sei es mit finanziellen Mitteln oder mit pädagogischem Personal - wo sehr viele Schüler auch eingehend gefördert worden sind, gibt es keinen Grund, das zu ändern. Das ist ein System, das für eine bestimmte Art von Schülern eigentlich ideal zusammengesetzt ist. Und jetzt kommt man auf die Idee, zwei Schulen, die ganz andere Grundlegungen und Ideen haben, zwei völlig verschiedene Systeme zu einer Schule zusammenzulegen. Das ist eine Geschichte, die nicht so ganz einfach zu bewerkstelligen ist. Mich stört aber nicht am meisten das Thema ,Sekundarschule’ an sich, sondern, dass man nicht erst einmal inhaltlich diskutiert, bevor man Entscheidungen trifft.
Gibt es einen Kardinal-Denkfehler bei der Einführung des zweigliedrigen Systems?
Wertenbach: Man hat eine hervorragend funktionierende Hauptschule, die alle Schüler, die in irgendeiner Form spezielle pädagogische Betreuung brauchen, sehr gut unterbringt und betreut und zum Abschluss bringt. Diese Möglichkeiten auf eine Sekundarschule zu übertragen und gleichzeitig die Möglichkeiten einer Realschule mitzunehmen, halte ich für sehr problematisch. Es ist fraglich, ob das überhaupt umsetzbar ist. Es stellt sich die Frage, ob man so gut funktionierende Systeme wie die der Haupt- und der Realschule in Olpe opfern soll, um eine Schulform zu etablieren, von der man gar nicht weiß, ob sie funktioniert, in welchem Rahmen sie funktioniert, und was sie überhaupt für Qualitäten an Abschlüssen zur Verfügung stellen kann. Wobei man noch berücksichtigen muss, dass der Druck auf die Gymnasien auch zunehmen wird, weil der Mittelbau fehlt.
Sie sind also der Meinung, dass das Gymnasium nicht ungeschoren davonkommt?
Wertenbach: Ja, ich glaube, dass es Auswirkungen haben wird. Wir haben ja das eine oder andere Bundesland, wo die Zusammenlegung der Haupt- und Realschulen schon stattgefunden hat. Das ist beispielsweise Berlin, und Berlin zeigt ganz eindeutig, dass die Gymnasien große Probleme haben, die Schüler aufzunehmen - auch unter dem Gesichtspunkt, dass man noch nicht geklärt hat, unter welchen Auswahlkriterien man Schüler ablehnen kann. Das Losverfahren ist sicherlich kein geeignetes Verfahren.
Ich habe aber auch gelesen, dass die eine oder andere Sekundarschule, die schon eingerichtet ist, von den Eltern gar nicht angenommen wird, weil anscheinend der Ruf so schlecht ist, dass man sein Kind da nicht hinschicken möchte.
Schon nach so kurzer Zeit?
Wertenbach: Ja, das sind jetzt etwas über zwei Jahre. Wobei ich interessant finde, dass das Saarland die Sekundarschule nur versuchsweise eingeführt hatte und den Versuch mittlerweile wieder eingestellt hat.
Muss das Gymnasium sein Niveau herunterschrauben, wenn Sekundarschüler eine Chance haben sollen, den Sprung nach der 10. Klasse zu schaffen?
Wertenbach: Das kann momentan niemand sagen. Wir sind da im Moment ein wenig spekulativ unterwegs, weil wir gar nicht wissen, wie so eine Sekundarschule aussieht, welche qualitative Arbeit sie sicherstellen kann.
Wie viele Ihrer Schüler schaffen diesen Riesensprung in die Oberstufe des Gymnasiums?
Wertenbach: Das ist von Jahrgang zu Jahrgang sehr unterschiedlich gewesen. Seit wir die zentralen Prüfungen haben, sind es bis zu 50 Prozent, die eine Qualifikation bekommen haben. Die sind sicherlich nicht alle zum Gymnasium gegangen, aber die, die von uns zum Gymnasium gegangen sind, haben in der Regel auch das Abitur geschafft.
Dennoch rennt alles in Richtung ,Sekundarschule’ - auch in den Nachbarkommunen und Nachbarkreisen.
Wertenbach: Ja, mich wundert nur, dass eine Partei, die lange Jahre das dreigliedrige Schulsystem gepflegt hat, auf kommunaler Ebene mit die erste ist, die das umsetzt.
Wie hätten Sie sich das Vorgehen in Olpe gewünscht?
Wertenbach: Ich hätte mir gewünscht, dass die Schulen vom Schulträger gleichwertig behandelt worden wären, was nicht der Fall war.
Glauben Sie, dass städtebaulicher Ehrgeiz - sprich: neues Rathaus der tatsächliche Grund für die jetzige Entscheidung ist?
Wertenbach: Wenn ich mir die Argumente durch den Kopf gehen lasse, die bisher in der laufenden Diskussion gefallen sind und auf deren Grundlage gesagt wird, die Entscheidung müsse jetzt gefällt werden, dann war keines der Argumente so überzeugend, dass ich nicht darüber nachdenken muss, ob nicht andere Gründe für diese Entscheidung eine Rolle spielen.
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