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Heimunterbringung

Immer mehr junge Menschen werden in Heim betreut

14.09.2012 | 22:00 Uhr
Immer mehr junge Menschen werden in Heim betreut
35.500 Jungen und Mädchen wurden im vergangenen Jahr in einem Heim untergebracht.Foto: dapd

Olpe.   Immer mehr junge Menschen werden betreut. Das Kindswohl steht im Mittelpunkt. Bundesweit sind im vergangenen Jahr 35.500 Mädchen und Jungen im Heim untergebracht worden. Ein Blick in das Josefshaus in Olpe.

Manchmal gibt es Streit mit den Jungen. Das findet Sara doof. Aber dass Tiziano, Julian und Leon Kreide besorgt haben, dass sie dann draußen vor der Tür eine Straße aufgemalt haben mit Ampeln, um dort mit dem Kettcar entlang zu kurven, das findet Sara ziemlich gut, erzählt sie - und grinst fröhlich. Es ist wie in jeder anderen Familie auch.

Die Vier aber sind keine Geschwister. Sie leben zusammen im „Heim“: Einem großen Einfamilienhaus mitten in Olpe mit einem Abenteuerspielplatz als Garten samt Baumhaus, Feuerstelle und der Bigge, die hinter dem Haus vorbeifließt. Sara wohnt im „Prinzessinnenzimmer“ mit viel Rosa und einem Baldachin über dem Bett. Zu ihrem Geburtstag im Dezember wird sie ihre Freundinnen Lina, Laura und Patrizia aus der Grundschule einladen.

Zuviel Stress mit der Pflegeschwester

Vor einem Jahr „und ein paar Monaten“ ist die Achtjährige in die Gruppe „Martin“ eingezogen, eine Außenwohngruppe des Josefshauses. „Weil ich mich immer so mit meiner Pflegeschwester gezankt habe“, glaubt sie. Vier Jahre lang hatte das Mädchen zuvor bei Pflegeeltern gelebt - bis die Eifersüchteleien zwischen deren leiblicher Tochter und der vier Jahre jüngeren Sara zu groß geworden waren.

„Da hat vermutlich jemand nicht gut genug nachgedacht“, sagt Magdalena Knäbe, Leiterin des Josefshauses, zu Sara. Und meint mit dieser Andeutung vermutlich, dass man beim Jugendamt hätte ahnen können, dass es zwischen den Mädchen zu Konflikten kommen musste.

Wie Sara sind im vergangenen Jahr viele Jungen und Mädchen ins Heim gekommen, „so viele wie nie zuvor“, sagt Raimond Pröger, zuständiger Referatsleiter beim Diözesan-Caritasverband in Paderborn. Bundesweit waren im vergangenen Jahr 35.500 junge Menschen im Heim untergebracht, eine Steigerung von 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, sagt Agathe Tabel von der Dortmunder Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendhilfestatistik. Größer sei der jährliche Anstieg in den Jahren nur wischen 2006 und 2008 gewesen.

Reform des Kinderschutzes lässt Heim-Anfragen steigen

Im Olper Josefshaus hat es im vergangenen Jahr 350 Aufnahmeanfragen gegeben. Im Jahr 2011 waren es nur 190. Eine Steigerung, die Magdalena Knäbe zum einen auf den guten Ruf ihres Hauses zurückführt. Zum anderen aber auch auf die Reform des Kinderschutzes, seitdem Schicksale, wie das des kleinen Kevin aus Bremen, im Jahr 2006 bekannt geworden waren. „Die Jugendämter und deren Mitarbeiter sind stärker dazu angehalten, für das Kindeswohl gerade zustehen - auch persönlich“, sagt Magdalena Knäbe. Einen „gestiegenen Legitimationsdruck von Organisationen und Personen im Kinderschutz“, stellt auch Agathe Tabel fest. Zudem habe sich eine „Kultur des Hinsehens“ entwickelt. Und es habe eine große Professionalisierung in der Erziehungshilfe gegeben, Qualitätsstandards seien entwickelt worden, fügt Magdalena Knäbe hinzu.

Dass mehr Kinder im Heim leben, ist für Magdalene Knäbe demnach eine positive Entwicklung, weil die Pflegefamilie nicht für jedes Kind immer die bessere Lösung sei. Auch weil die Auffälligkeiten der Kinder größer werden und damit schwerer zu handhaben sind.

Andererseits weiß Magdalena Knäbe aber, dass immer mehr Kinder zu ihr kommen müssen, weil ihre Eltern es nicht schaffen, für sie zu sorgen. Weil die Zahl der Alleinerziehenden stetig steigt, die Zahl der armen Eltern, der psychisch kranken. „Sucht, Gewalt, Erziehungsunfähigkeit der Eltern“, das seien die Gründe, warum viele ihrer acht Kinder in die Gruppe Martin gekommen sind, sagt deren Leiterin Christa Langenhövel.

Loyalität zu den Eltern

Warum sie selbst nicht mehr bei ihren Eltern leben kann, daran kann sich Sara nicht erinnern - oder will es nicht. „Da war ich doch erst vier“, wehrt sie mit einem Stirnrunzeln ab. Die Loyalität gegenüber den Eltern lasse die Kinder verdrängen, erklärt Christa Langenhövel. Zudem gäben sich viele Jungen und Mädchen selbst die Schuld an der Trennung. „Es tut auch weh, darüber zu sprechen“, sagt die Gruppenleiterin.

Manchmal wünsche sie sich, zusammen mit Vater und Mutter, den beiden größeren Brüdern zu leben, sagt Sara. Alle sechs Wochen trifft sich die Achtjährige mit ihren Eltern, „mit Papa nicht so oft“, fügt sie hinzu.

Fast zwei Jahre sind die Kinder durchschnittlich im Josefshaus. Manche kehren zu den Eltern zurück, andere in Pflegefamilien oder besondere Therapieeinrichtungen. Die meisten der acht in der Gruppe Martin aber werden wohl länger bleiben, schätzt Christa Langenhövel. Möglicherweise bis zum Ende der Schulzeit.

Nina Grunsky


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