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Auf die Schrift

22.01.2015 | 00:12 Uhr

Es gibt heute kaum noch Gegenden, in denen Plattdeutsch lebendige Umgangssprache ist. Doch bei dem Hännes war das so. Das Bequemste war für ihn seine Mundart. Dumm war nur, dass vor allem die Kinder Last hatten, ihn zu verstehen. Max und Moritz hatten sich vorgenommen, dem Alten das Hochdeutsch-Sprechen beizubringen, und wenn nicht anders, dann mit List und Gewalt.


Die beiden kamen wieder einmal aus der Schule und liefen schnell nach Hause, denn der Magen knurrte schon. Da stand doch wirklich wieder der alte Hännes vor seiner Tür, und nach der üblichen Begrüßung fragte er: Na, sin ey wier en kitzken kleiker worn? (Na, seid ihr wieder ein bisschen klüger geworden?)“ Die beiden Jungen blieben stehen und schauten den Mann an, aber sie sagten kein Wort. Hännes wiederholte die Frage, aber die beiden blieben stumm. Nach dem dritten Versuch drehte sich Hännes ärgerlich um und ging ins Haus zurück.

Am selben Abend war es Max, der an Hännes vorbei musste. „Wat, sau späe hiäste nau wat te daune? Saune Blage ase döü höört ümme düese Teyt in’t Berre!” Und das Schauspiel vom Mittag wiederholte sich. Max blieb vor dem Alten stehen und ließ ihn fragen, so oft er wollte, er blieb völlig stumm.
Das wiederholte sich noch einige Male. Aber worüber Max und Moritz sich wunderten: Der Hännes wurde nie ungehalten, er drehte sich nur um und ging weg, ohne ein Wort zu sagen.

An einem Nachmittag waren die Dorfkinder in Aufregung: „Der Hännes, der Buiterling, der will uns am Wochenende mitnehmen, dahin, wo er früher gewohnt hat. Alle Kinder dürfen mit!“ So kam der Samstag Morgen. Hännes hatte einen Bus bestellt, und die Kinder des kleinen Ortes stiegen ein. Doch als die Reihe an Max kam, hielt Hännes ihn zurück: „Nein, Knabe, du nich. Un dein Bruder auch nich. Ihr könnt nur aufe Schrift kuiern, un bei uns zu Hause, da kuiert man noch Platt. Ich bin bange, ihr versteht nix, wenn wir bei mir terheimen ankommen. Ihr bleibt nett hier!“ Die beiden Jungen wollten doch wohl losheulen. Aber was hatte der Hännes da gesagt? „Aufe Schrift kuiern“ – was sollte das denn heißen?


Doch Oma wusste Rat: „Ja, Jungens, das ist so’n Ausdruck von früher. Wisst ihr, wir haben alle nur Platt gesprochen, hochdeutsch, das war nur für Schule, Kirche, Radio und Zeitung. Hochdeutsch, das war die Sprache, die geschrieben wurde; unser Platt, das schrieb man nicht, das hat man aber überall gesprochen. Geschrieben hat man nur dieses Hochdeutsch, die Amtssprache, und daher sagt man, wenn einer Hochdeutsch redete: Der kuiert auf die Schrift.“

„Trotzdem ist der Hännes ein Biest“, begehrt Moritz auf, und nun wollen die beiden erzählen, dass er sie von dem Ausflug ausgeschlossen hat, nur die beiden, sonst kein Kind. Aber diesmal zeigt Oma kein Mitleid: „Junge, Junge, ihr erzählt mir nichts Neues. Das will ich euch sagen: Wenn ihr mit mir so umgegangen wärt wie mit ihm, dann hätte ich genauso gehandelt! Und außerdem: Der Hännes hat euch was voraus: Er kann sich in zwei Sprachen bewegen, das könnt ihr nicht. Ihr könnt ja nur auf die Schrift!“

Dr. Werner Beckmann

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2015-01-22 00:12
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