Zehntklässler des Moerser Adolfinum fahren nach Auschwitz

Hauptsponsor ist Erich Bethe ( Bildmitte ) mit seiner Nichte Shabnam Arzt ( rechts ) und Sohn Florian Bethe ( links ).
Hauptsponsor ist Erich Bethe ( Bildmitte ) mit seiner Nichte Shabnam Arzt ( rechts ) und Sohn Florian Bethe ( links ).
Foto: Ulla Michels
Was wir bereits wissen
Finanzierung der jährlichen Fahrt der Gymnasiasten ist gesichert, dank der Stiftung von Roswitha und Erich Bethe „Erinnern ermöglichen“

Moers..  Das Projekt ist einmalig in Deutschland: Die komplette Jahrgangsstufe 10 des Gymnasiums Adolfinum fährt nach Auschwitz, besucht die Gedenkstätte, erinnert sich an die dunkelsten Stunden deutscher Geschichte. Die Kosten ließen sich in den vergangenen Jahren nur mühsam aufbringen, doch ans Aufgeben dachte im Adolfinum niemand. Hilfe kommt nun von Seiten der Stiftung des Ehepaares Roswitha und Erich Bethe – Erich Bethe ließ es sich nicht nehmen, nach Moers zu reisen und sich mit Schülern und Projektleitung zu treffen.

Erich Bethe ist eine Persönlichkeit, deren unbedingter Wille zu helfen kaum in Worte zu fassen ist. Als Besitzer von 18 Hotels verkaufte er vor 19 Jahren seine Immobilien, gab 90 Prozent des Verkaufserlöses in eine Stiftung. Diese baut und unterstützt Kinderhospize, hilft Einrichtungen gegen Kindesmissbrauch – und sorgt mit einer weiteren Stiftung „Erinnern ermöglichen“ dafür, dass die Gräuel der NS-Zeit nicht in – vielleicht bequeme – Vergessenheit geraten.

„Wir sind froh, dass sie das hier machen. Das ist einmalig.“ Erich Bethe unterstützt das Adolfinum nicht nur finanziell, er gibt etwas viel Wichtigeres: Wertschätzung. „Wir sind froh“ – wir, das sind neben dem Ehepaar Bethe dessen Sohn Florian und Erich Bethes Nichte Shabnam Arzt; Sohn und Nichte waren gestern mit dem Stiftungsgründer nach Moers gereist.

Die Bethe-Stiftung – eine Familie und ihre Geschichte

Was treibt einen Mann wie Erich Bethe an, deutschlandweit Projekte für das Erinnern und gegen das Vergessen zu unterstützen? „Mein Vater war im Widerstand, die Familie meiner Mutter waren Nazis.“ Der Bruder seines Großvaters war Generaldirektor der IG Farben, eines Unternehmens, welches sich an den Verbrechen der Nazis mitschuldig machte, an den Opfern verdiente. Das Ehepaar Bethe bekennt sich zur Familiengeschichte, leitet daraus zudem eine Verpflichtung ab, der sich auch die nächste Generation zu stellen bereit ist.

Umso mehr beeindruckt das Projekt des Adolfinums die Familie Bethe. In diesem Jahr werden 145 Schüler der Jahrgangsstufe 10 nach Auschwitz reisen, begleitet von 56 „Teamern“ – älteren Schülern des Gymnasiums, aber auch Ehemaligen, wie dem 20-jährigen Informatikstudenten Arne Pauly.: „Ich fahre zum vierten Mal mit, zum dritten mal als Teamer. Man entdeckt jedes Mal etwas Neues, was einen erschüttert. Martin Sprehn ist zum dritten Mal dabei.

Sich ein halbes Jahr Zeit nehmen für die Vorbereitung, auch das ist ein Alleinstellungsmerkmal des Moerser Gymnasiums. Jeweils nur für eine kleine Schülergruppe zuständig, bauen die „Teamer“ eine sehr persönliche Bindung auf. Martin Sprehn erinnert sich an einen Moment, in dem ein Film über die Befreiung von Auschwitz gezeigt wurde: „Es waren auch Kinder zu sehen, und einer erkannte eine große Ähnlichkeit mit seiner Schwester. Noch auf der Rückfahrt mussten wir ihm helfen, das zu verarbeiten.“ Arne Pauly: „Wir standen vor einem Haufen Schuhe, darunter ein paar Kinderschühchen – für jeden gibt es irgendwo einen Moment, der einen berührt.“ Erich Bethe nickt anerkennend: „Diese Vorbereitung ist extrem wichtig. Was da geboten wird, ist starker Tobak.“ Und er fügt nachdenklich hinzu: „Die Teamer -- vielleicht ist das ja ein Erfolgsmodell...“

Ein Erfolgsmodell, hinter dem nicht nur Schulleiter Hans van Stephoudt, sondern auch das Projektleiter-Team: Maria Vollendorf-Löcher, Dr. Andre Remy, Sandra Hennemann und Miriam Milde. Sie, die Lehrer, die Teamer und nun auch die Bethe-Stiftung, alle garantieren, dass dieses Projekt gegen das Vergessen Bestand haben wird.