Wohlig schwelgen in Erinnerung - auf Facebook
07.02.2012 | 19:28 Uhr 2012-02-07T19:28:00+0100
Moers. Was es mit der „Billige-Blutwurst-Siedlung“ auf sich hatte und vieles mehr, erfährt auf einer Facebook-Seite über Moers.
Es ist vermutlich dieses wohlige gemeinsame Schwelgen in Erinnerungen, das Klassentreffen so beliebt macht, diese Weißt-du-noch- und Wie-hieß-der-noch?-Gespräche, die unsere Vergangenheit in die Gegenwart befördern. Im Zeitalter der „sozialen Netzwerke“ im Internet muss man freilich nicht extra zum Treffen reisen. Auf Facebook hat sich soeben eine Gruppe gegründet. „Moers – Erinnerungen, Fotos und Geschichten aus unserer Kindheit“ heißt sie. Binnen kürzester Zeit haben sich ihr 731 Mitglieder angeschlossen, die nun in Erinnerungen und Fotoalben kramen und im Minutentakt Bilder und Dönekes aus der Grafenstadt ins Netz stellen.
Schon verrückt: Derzeit diskutiert Moers über den Abriss des Horten-Hauses für den Neubau eines Einkaufszentrums. Passend dazu präsentiert uns Dieter Oeckenpöhler bei Facebook die prächtige Vor-Horten-Aera: ein Bild des Merkur-Kaufhauses, das aus der ersten Hälfte der 60er Jahre stammen muss. Und dann wird von den Gruppenmitgliedern kommentiert: Jemand hat seine Großeltern auf dem Bild entdeckt, Claus-Peter Küster erzählt, dass er sich als Kind an den Spielzeug-Schaufenstern die Nase platt gedrückt habe, und Heike Lauerwald kommen die Stehtische mit Kartoffelsalat und Bratwurst in den Sinn, die für sie als Kind viel zu hoch waren...
Oder man begibt sich gemeinsam auf Spurensuche. Da posted Raimund Sper ein Restaurant-Foto von „Der Grieche“ an der Krefelder Straße und will wissen, wie die Vorgänger hießen: El Paso weiß jemand, ein anderer steuert „Ten Eiken“ bei. An anderer Stelle erleben wir – wieder geht’s um Kneipen – die hohe niederrheinische Kunst des Vom-Höcksken-aufs-Stöcksken-Kommens: Wie die Kneipe hieß, die irgendwann mal in dem Flachbau an der Eichenstraße gewesen sein muss, fragt einer unter einem Foto. In 23 Kommentaren lesen wir dann alle möglichen Namen von Gaststätten schräg gegenüber und zwei Ecken weiter, in denen man auch schon mit 15 Jahren bedient wurde oder wo man „den Oli“ kennengelernt hat, der bekanntlich „nie was liegen ließ“, bis am Ende Silvia van Zütphen die Eingangsfrage löst: „Siedlerklause ist richtig. Hab 2 Häuser weiter gewohnt.“
Gründer der Gruppe ist Alexander Peters, der – wie viele andere – nicht mehr in seiner Geburtsstadt lebt. Die Administratoren sind Marcus Koopmann und Ratsmitglied Claus-Peter Küster: „Das ist die moderne Version des Heimat- und Geschichtsvereins, keine hochwissenschaftliche Historie, es ist Geschichte ‘von unten’.“
Beispiel gefällig? Da taucht in der Diskussion der Begriff „Billige-Blutwurst-Siedlung“ auf. Nicole Wittmann kann schließlich den Begriff erklären: Die Zechenhäuser im Bereich Haldenstraße in Meerbeck wurden später und mit Bad gebaut, die Mieten seien deshalb so hoch gewesen, dass ihren Bewohnern nicht mehr viel Geld fürs Essen übrig blieb und man sich in dieser Siedlung angeblich nur noch „billige Blutwurst“ leisten konnte.
So wäre auch das geklärt.
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