Wo die Liebe großzügig verteilt wird

Hans-Jürgen Hufeisen mit Schwester Erna
Hans-Jürgen Hufeisen mit Schwester Erna
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Er gilt als einer der virtuosesten Flötenspieler Deutschlands, er spielt in Klöstern und Konzertsälen in Deutschland und Europa. Vor 57 Jahren kam er als Findelkind zum Neukirchener Erziehungsverein. Janina Schulze

Neukirchen-Vluyn..  Er gilt als einer der virtuosesten Flötenspieler Deutschlands, mehr als 50 Schallplatten, CDs und Hörbücher hat er herausgebracht, er spielt in Klöstern und Konzertsälen in Deutschland und Europa. Und kürzlich erst in Neukirchen-Vluyn beim Neujahrsempfang des Erziehungsvereins. Für Hans-Jürgen Hufeisen war der Aufritt eine Rückkehr in seine Heimat, denn: Der heute 60-jährige bekannte Musiker ist als Findelkind in der Kinderheimat des Neukirchener Erziehungsvereins aufgewachsen.

Drei Jahre war Hans-Jürgen, als er von seiner Mutter verlassen wurde. Der Wirt eines Hotels entdeckte ihn allein unter der Bettdecke in einem Zimmer. Seine nächste Erinnerung ist eine „Dame mit einem Häubchen“, die den Kleinen am Haus Sonneck in Empfang nahm. Hier, im Kinderdorf des Erziehungsvereins Neukirchen-Vluyn, fand der kleine Junge ein liebevolles Zuhause. An die Stelle der Eltern traten Erzieherinnen, die alles dafür taten, ihren Schützlingen Halt zu geben und ihnen den Weg in ein schönes Leben zu ebnen. So entwickelte sich Hans-Jürgen Hufeisen gut und startete an der Gerhard-Tersteegen-Grundschule II wie viele andere Kinder in die Welt der I-Dötzchen.

Ein Weg, sich auszudrücken

Da Hans-Jürgen sehr still und schüchtern war, kam eine seiner Erzieherinnen auf die Idee, ihm eine Blockflöte zu schenken. Die ersten Momente, in denen er mit diesem Instrument die Stimmen der Vögel und der Natur nachahmte und seinen Empfindungen Ausdruck verlieh, bestimmten sein gesamtes weiteres Leben. Endlich hatte er einen Weg gefunden, sich auszudrücken. Er hatte sich für die schöne Seite des Lebens entschieden und war fest entschlossen, sie von nun an in seiner Musik und allem, was er tat, zu betonen.

Hier am Niederrhein liegen die Wurzeln eines der virtuosesten Blockflötisten Europas, der vielen seiner Fans und Schüler die Faszination des so oft verkannten Instrumentes Blockflöte nahegebracht hat. Ein Schüler und Freund ist der als Gasballon-Pilot bekannte Moerser Flötist Volker Kuinke.

Neben der Liebe zur Musik hat Hans-Jürgen Hufeisen in Neukirchen-Vluyn eine Heimat gefunden, mit der er viele schöne Erinnerungen verbindet. In der damals vom Bergbau dominierten Stadt verlebte er eine prägende und spannende Kindheit und Jugendzeit. Ein ganz besonderes Erlebnis war für ihn ein Besuch „unter Tage“. „Zweimal durfte ich mit runter“, erinnert er sich und seine Augen leuchten. Zweimal, da er durch einen Schulwechsel das Glück hatte, gleich doppelt an einer unterirdischen Erkundungstour teilnehmen zu dürfen. „Die Unternehmen warben damals schon sehr frühzeitig um Auszubildende.“ Beeindruckend, sei es gewesen, durch die dunklen Gänge, die selbst für 12-Jährige ziemlich eng sind, zu kriechen. Angst habe er, trotz seiner Geschichte, nie gespürt. Der Stollen sei für ihn eher eine Höhle gewesen, strahlte Geborgenheit aus. Er war ganz tief drin in der Erde. „Ich liebe Höhlen. Genau wie meine kleine Katze, die ich jetzt habe. Auch sie sucht sich immer Höhlen“, lächelt er.

Eine weitere Station seiner Jugendzeit, an die er sich gut erinnert, ist das Werk Trox. „Ich hatte damals dort einen Job, der so gut bezahlt wurde, dass ich mir davon ein Fahrrad und sogar eine Blockflöte kaufen konnte. Das Fahrrad war lange mein Wunsch gewesen und dann reichte es sogar noch für eine Flöte. Es war eine gute Flöte. Nicht so gut, wie die, die ich heute habe und die extra für mich angefertigt werden, doch für mich war sie perfekt. Ich war damals sehr glücklich.“

Altes Holz

Obwohl Hans-Jürgen Hufeisen als Flötist und Komponist gefeiert wird, ist in ihm stets etwas von dem stillen, kleinen Jungen geblieben, der durch den Wald geht und das Wesen der Natur in sich aufnimmt. „Ich habe Hochachtung vor jedem Baum. Ganz besonders vor einem alten, der mir eine Flöte schenkt. Denn Flöten werden nicht aus jungem Holz gemacht. Dafür benötigt man langsam gewachsenes, altes Holz. Man kann sagen, dass mir der Baum eine Flöte hinterlässt und mit der Flöte einen Teil seiner Seele. Aus diesem Grund hege ich tiefe Achtung für die Natur, die so wundervolle Dinge hervorbringt.“

Hans-Jürgen Hufeisen hat sich seinen Glauben an die Natur und an das Gute in den Lebewesen bewahrt. Das merkt man auch seiner Musik an, die ruhig dahinfließt. Voller Frieden und Leichtigkeit und sehr nachdenklich. Die meisten Menschen drücken sich mit Worten aus, Hans-Jürgen Hufeisen gelingt dies mit seiner Musik.

Seine Erinnerungen an die Kindheit am Niederrhein sind offenbar überaus positiv. In seiner kurzen Ansprache beim Neujahrsempfang des Erziehungsvereins sagte der prominente Gast, dass er dort „viele Jahre Liebe und Engagement erlebt“ habe. Hans-Jürgen Hufeisen: „Heimat ist da, wo die Liebe großzügig verteilt wird.“