Warum die Kameruner Leon bemitleiden

Neukirchen-Vluyn..  Seit dreieinhalb Monaten ist Leon Menkréo-Kuntzsch in Kamerun. Der 19-jährige Neukirchen-Vluyner war, wie berichtet, in das zentralafrikanische Land aufgebrochen, um den Wurzeln seines Vaters zu folgen. Inzwischen lebt Leon in Lagdo im Norden des Landes und berichtet: „Alles zu Beginn noch Aufregende ist zur Routine geworden, und ich erlebe Afrika aus der Sicht eines Einheimischen.“

Von seinem Dasein als Lehrer einer achten Klasse ist der 19-Jährige begeistert. „Dieses Gefühl, meinen Schülern erfolgreich etwas beizubringen – und das mit Spaß auf beiden Seiten – ist mehr als nur zufriedenstellend“, schreibt der Sohn eines Kameruners in einem Brief an die Redaktion.

Leons Tagesablauf sieht so aus: Bei seinem Lieblingsbäcker kauft er Beignets, eine Art Krapfen. Es folgt ein gemütliches Frühstück auf der Terrasse, dann geht’s mit dem Motorradtaxi zur Schule. Oft besucht er seine Tante, die mit ihrem Mann und drei weiteren Ehefrauen im selben Ort wohnt. Die Abende verbringt Leon mit seinem Nachbarn auf der Terrasse, doch manchmal, so schreibt er, erlaubt er sich „kleine Ausbrüche“ aus seinem Alltag und besucht nahegelegene Städte mit seinen Cousins.

Die Gewöhnung an den„Afrika-Modus“

„In Kamerun sind die öffentlichen Verkehrsmittel in der Regel in marodem Zustand, die Fahrer auf asphaltierten Straßen übermotiviert und die eigentlichen Sitzplätze nur eine grobe Orientierung, wie viele Fahrgäste man mitnehmen könnte. So ist es nicht ungewöhnlich, mit acht Erwachsenen und fünf Säcken Hirse und Mais in einem 5-Sitzer Toyota Corolla aus dem letzten Jahrhundert über ein Schlagloch nach dem anderen zu knallen“, berichtet Leon. Auch an die Unpünktlichkeit hat sich der West-Europäer gewöhnt, er beschreibt sie augenzwinkernd als „Afrika-Modus“ und lässt sich von Verzögerungen nicht verärgern.

Nach einem einwöchigen Malaria-Anfall sowie einer kurzen Bettruhe, weil er nicht- desinfiziertes Wasser getrunken hatte, geht es Leon so weit gut und „mit der Aussicht, dass das alles nur befristet ist und ich ab März wieder ein Klo aus Porzellan und WLAN benutzen kann, finde ich es hier erträglich“, schreibt er.

In den Reiseberichten beschäftigt sich Leon ausführlich mit den kulturellen Unterschieden. So ist ihm aufgefallen, dass Luxus in Kamerun nicht materiell verstanden wird, sondern in den zwischenmenschlichen Erfahrungen. Teilen werde ganz groß geschrieben, Respekt und Ehrlichkeit gelten für die Leute, die Leon bisher kennenlernte, als wichtigste Punkte im Umgang mit den Mitmenschen – Charakterzüge, die der 19-Jährige schätzt.

„Woran es den Kamerunern fehlt, ist Verständnis für Fremdes“, schreibt er und meint damit vor allem das Unverständnis gegenüber westlichen Lebensweisen. Polygamie sei in Kamerun üblich, Leons neue Freunde können nicht verstehen, dass er in Deutschland nur eine Freundin hat. Genauso unverständlich für sie ist die Tatsache, dass Leon den Namen seiner Mutter trägt, dass er auf Fotos lächelt und das in Deutschland Couscous fast unbekannt ist. Und so kommt es schon mal vor, das er sich Mitleidsbekundungen anhören kann.

Nachts unter zehn Grad

Über Weihnachten und Neujahr besuchte Leon das Dorf, in dem seine Großmutter lebt, und feierte dort mit seiner kamerunischen Familie ein traditionelles Weihnachtsfest, und „dafür lasse ich auch den afrikanischen Winter über mich ergehen, welcher nachts Temperaturen unter zehn Grad bringt.“