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Wahlkampf 0.0: von Ziegen und Pfarrern

29.08.2009 | 09:00 Uhr

Der Wahlkampf ist gelaufen, endlich: Durch die Terminverschiebung samt Sommerpause kam er nie in Schwung, dauerte dafür eine gefühlte Ewigkeit. Was die Parteien geboten haben, riss niemanden vom Hocker. Zu brav, zu altbacken, zu statisch.

Neben gnadenlos zugepflasterten Straßen und Kuli werfenden Werbern haben es wenige pfiffige Aktionen ins Bewusstsein der Bürger geschafft.

Was ist hängengeblieben? Ganz sicher, dass im Jahr 2009 weder Politik noch Bürger für einen Wahlkampf 2.0 taugen. Die Möglichkeiten des Webs wurden gleichmäßig schlecht genutzt wie erkannt.

In Moers war vom Herausforderer CDU viel zu sehen, aber wenig zu hören. Biss, mitunter auch Beißreflex, zeigte die junge Garde um Ingo Brohl und Uli Köhler. Die SPD konnte trotzdem in aller Seelenruhe eine Leistungsbilanz vorlegen und mit den angeschobenen Projekten wuchern. Die Meldungen Perfekta und Bratkus-Fünderich (Repelen brennt) waren sicher clever gesetzt, aber das ist nicht kriegsentscheidend. Bürgermeister Ballhaus gilt als Favorit. FBG-Küster wird ein starkes Ergebnis erzielen, und unter anderem davon hängt ab, ob Moers künftig von einer großen Koalition geführt wird.

Richtig witzig

Richtig witzig war die SPD-Idee in Neukirchen-Vluyn, inkognito Ziegen-Plakate aufzustellen und die Bürger zum Meckern aufzufordern. Den zweiten Teil, die Auflösung, versaute ausgerechnet ein Linker, der die Exponate von den Laternen knipste und in seinem Keller hortete. Das war aber fast schon die einprägsamste Geschichte rund um die Suche nach Böings Nachfolger. Programmatisch sehen CDU und SPD die selben Baustellen, nur die Galeonsfiguren könnten unterschiedlicher nicht sein. Hier der versierte Verwaltungsfachmann Jochen Gottke (SPD), der als Kind in einen Kessel mit Selbstbewusstsein gefallen sein muss. Dort der nette Mann von der Sparkasse mit dem Jungencharme, dem es an Strahlkraft fehlt. Hier gibt's ein Wimpernschlagfinale.

Noch lange werden sich die Kamp-Lintforter an Giorgios Karagiovanis erinnern, jenen Schützenkönig und Linke-Kandidat wider Willen. Länger vielleicht als an Landscheidt-Herausforderer Siegfried Schrempf. Der Metzgermeister versäumte es, bei allem Bemühen seiner Partei und trotz dankbarer Themen wie Eyller Berg oder Girondelle, sich als wählbare Alternative zu profilieren.

Blau-gelbe Eiskugeln

In Rheurdt bleibt alles Kleinenkuhnen, in Issum alles Kawaters, die SPD blieb weitestgehend unsichtbar. Ach ja: Die FDP Issum verteilte blau-gelbe Eiskugeln.

Aber es gibt auch Erfreuliches. Peinliche Schlammschlachten zum Beispiel blieben aus. Wie schnell das Ziel verfehlt wird, zeigt ein Blick zum wir4-Nachbarn Rheinberg: Die örtliche CDU entblödete sich nicht, 5100 Haushalte per Brief vor der SPD zu warnen. Die wolle schließlich ein teures Sozialticket im Busverkehr einführen, weshalb bald die Bäder geschlossen werden müssten. Da drängt sich der Verdacht auf, dass der Bürger für dumm verkauft werden soll – in Moers haben sie gezeigt, dass es auch anders geht. In Utfort nämlich, wo SPD-Kandidat Marschmann Kontrahenten und Bürger zu einem Abend rund ums Kennenlernen und Utforter Themen einlud. Die Bude war voll, die Resonanz riesig.

Kein Wunder: Vom prinzipiellen Gegeneinander hat der Moerser Wähler die Nase voll, das Nebeneinander der letzten Monate hat ihn ermüdet. Wer beweist, dass es in erster Linie um das Wohlergehen der eigenen Stadt geht, hat Wahlkampf-Getöse nicht nötig.

Michael Passon

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Kommentare
29.08.2009
16:15
Wahlkampf 0.0: von Ziegen und Pfarrern
von CaptainWillard | #1

Sehr geehrter Herr Passon,

im Großen und Ganzen sehr gut kommentiert.

In einem Punkt bin ich allerdings anderer Auffassung.

Das diesjährige Kommunalwahlkampfmotto lässt sich am besten mit einem Filmzitat umschreiben:

Entweder ihr surft - oder ihr kämpft!

Da war surfen besser (Wahlkampf 3.0) :-)

Die Berichterstattung auf Der Westen und das Feld Sie können diesen Artikel kommentieren haben maßgeblich zu einem interessant geführten Wahlkampf (einschließlich campaigning, lobbying und agenda-setting) beigetragen.

Schauen wir mal, was wir morgen an verwertbaren Ergebnissen erhalten.

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