Von Mühlen und verhassten Franzosen
10.08.2012 | 19:15 Uhr 2012-08-10T19:15:00+0200
Neukirchen-Vluyn. Die Menschen litten unter den Truppen Napoleons. Besatzer genehmigten die Mühle in Vluyn. Museumsleiterin Jutta Lubkowski berichtet von der Geschichte der Mühlen und von der Zeit der Franzosen am Niederrhein.
Bis heute lieben die Niederrheiner ihre alten Windmühlen – ein Thema, das Bücher füllt.
Die ersten Mühlen am Niederrhein waren Bockwindmühlen. Sie gab es schon ab dem elften Jahrhundert. „Der ganze Mühlenkörper stand auf einem Bock, der beim Mahlen mittels eines Holzbalkens, dem Stert, in den Wind gedreht werden konnte.“ Was sich so einfach anhörte, war sehr gefährlich. Das Metall der Konstruktion konnte beim Drehen der tonnenschweren Mühle schnell Funken werfen und alles in Flammen setzen. Manche Mühle brannte ab.
Mühlensprache
Mühlen standen oft auf einer Anhöhe, heute noch beispielsweise im benachbarten Tönisberg zu sehen. Die Flügel waren am flachen Niederrhein weithin sichtbar. Je nachdem, wie die Flügel standen, gab es ein freudiges oder trauriges Ereignis beim Müller zu feiern, es gab eine kurze oder eine lange Arbeitspause. „Diese Art der Mühlensprache kannten die Bauern natürlich und wussten, ob sie zur Mühle fahren konnten oder nicht.“ Und es galt die schöne Regel: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst – bis heute ein geflügeltes Wort. Gemessen wurde in Scheffeln, und der Müller wurde mit Mehl bezahlt. „Er sorgte schon dafür, dass er nicht zu kurz kam...“
1794 kam die große Plage über den Niederrhein: Die Franzosen besetzten die gesamten linksrheinischen Gebiete, Napoleon machte bis 1802 alles französisch – für die ohnehin fremdelnden Niederrheiner ein einziges großes Unglück. Denn die Armee wollte unterhalten werden. Die Einheimischen mussten Vieh und Geld abgeben, auch das zum Überleben so wertvolle Mehl und Getreide. „Die Menschen aßen Schwarzbrot, aber die Franzosen wollten vornehmes, teures Weißmehl.“
Von den französischen Besatzern bestellt wurden auch Schuhwerk oder Holz für die Öfen. Und in mancher Scheune gab es Einquartierungen. „Wenn sie Lust hatten, vertrieben die Franzosen die Menschen einfach aus ihren Häusern.“ Erst später gab es die großen Feldlager der Besatzertruppen. 1815 war der Spuk vorbei.
Franzosen-Sprichwörter
So manches niederrheinische Sprichwort stammt noch aus der Franzosenzeit. Die Mütter ermahnten damals ihre schönen Töchter mit den Worten: „Mach mir ja keine Fisimatenten!“ Denn: „Visitez ma tente, besuchen Sie mein Zelt“, luden die feschen Soldaten die Mädchen ein. Auch das Pittermesser (das petit Messer, kleines Messerchen zum Kartoffelschälen) hat sich im Sprachschatz gehalten, und sogar der Muckefuck, Mocca faux (heißer Ersatzkaffee).
Die Besatzung hatte dann doch noch gute Seiten: „Die Franzosen führten die Verwaltung ein und das bürgerliche Recht, Vorläufer des Bürgerlichen Gesetzbuches, das bis heute Gültigkeit hat. Auch gab es mit den Franzosen endlich ein Grundstückskataster für korrekte Grundstücksgrenzen und kommunale Standesämter, damit auch das Meldewesen seine Ordnung hatte. „Was man da zuvor so in den Kirchenbüchern liest, ist phasenweise schon abenteuerlich. Wenn der Pastor keine Lust oder zu viel getrunken hatte, wurden die Eintragungen ziemlich schludrig geführt.“
Dokumente beweisen: „1802 stellten die Neukirchen-Vluyner einen Antrag an die Franzosen, die erste Mühlengesellschaft gründen zu dürfen“, berichtet die Museumsleiterin. Der Antrag wurde genehmigt, und die Bockwindmühle an der Pastoratstraße/Ecke Vluyner Südring wurde gebaut. Sie musste weichen, als im Zuge der Industrialisierung die Dampfmühlen aufkamen. Doch die alte Dampfmühle an der Krefelder Straße ist ebenfalls schon Geschichte. Das Gebäude im Industriejugendstil steht unter Denkmalschutz und beherbergt heute Wohnungen.
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