Das aktuelle Wetter Moers 10°C
Flüchtlinge

Von Damaskus nach Neukirchen-Vluyn

30.01.2016 | 08:00 Uhr
Von Damaskus nach Neukirchen-Vluyn
Amal hat kleine Püppchen an das Lattenrost gehängt, um Tochter Jana (8) ihr Bett gemütlicher zu machen.Foto: Niklas Preuten

Neukirchen-Vluyn.  In der Flüchtlingsunterkunft an der Wiesfurthstraße wohnt Mutter Amal mit Tochter Jana aus Syrien. In Damaskus hat sie in einer Bank gearbeitet, bis der IS kam und ihr drohte. Ihren Mann und weitere Kinder sind noch in Syrien.

Ein Häuschen in einem Vorort der Hauptstadt, ein Festvertrag bei der staatlichen Bank, nebenbei eine kleine Selbstständigkeit, täglich mit dem Auto zur Arbeit fahren und die Kinder zur Schule bringen. Der älteste Sohn soll im Ausland studieren, er hat einen guten Abschluss und die nötigen finanziellen Mittel sind auch da.

Diese Normalität der 47-jährigen Amal wird jäh zerrissen, als der sogenannte Islamische Staat (IS) ihren Heimatort in Syrien einnimmt und droht: „Wenn du weiter arbeitest, töten wir dich.“ Das Leben von Amal, ihrem Mann und den zwei Töchtern und zwei Söhnen gerät aus den Fugen. Eine Weile wehren sie sich, wollen ihrer Heimat nicht den Rücken kehren, dann beschließt die Familie, dass Amal mit der jüngsten Tochter Jana (8) fliehen soll. Nach Deutschland.

Der älteste Sohn, der ursprünglich mal im Ausland studieren sollte, landet als „unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling“ allein in Baden-Württemberg. Amal und Jana kommen nach einigen Stationen in Neukirchen-Vluyn an. Der Vater und zwei weitere Kinder harren in dem Vorort von Damaskus aus.

„Mein Leben wurde durch den Einfall des IS komplett auf den Kopf gestellt,“ erinnert sich die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin. Daher ist sie zuerst geflohen, nicht ihr Mann. Die vierwöchige Reise schlug mit 6000 Euro und schrecklichen Erlebnissen zu Buche. Jana weint jede Nacht, wenn sie sich erinnert, wie Wegbegleiter vor ihren Augen starben. „Hätte ich all das vorher gewusst, ich wäre lieber in Syrien gestorben,“ erklärt Amal unter Tränen.

Große, kleine Wünsche

Als sie kam, war die Akademikerin überzeugt, in dem Land, von dem sie so viel über die starke Wirtschaft, die gute Infrastruktur und perfekte Organisation gehört hatte, schnell zurechtzukommen. So wollte sie beispielsweise ihren syrischen Führerschein umschreiben lassen, ihre Unabhängigkeit war ihr immer wichtig. Als sie hörte, wie hoch der Kosten- und Bürokratieaufwand dann doch ist, staunte sie nicht schlecht.

Ihr größter Wunsch heute klingt fast simpel: ein Leben in Würde.

Sie möchte keine Leistungen vom Staat erhalten, sondern für ihr Geld arbeiten, Deutsch lernen. Und eine Familienzusammenführung anstrengen, damit sie endlich wieder mit ihrem Mann und allen Kindern vereint sein kann. Doch dazu müsste erst einmal endgültig über ihren Asylantrag entschieden werden, und das dauert.

Und so wartet Amal in dem kleinen Zimmer in der Unterkunft an der Wiesfurthstraße, das sie sich mit der achtjährigen Jana teilt. Die besucht seit kurzem die Grundschule. Amal hat den „Basiskurs Deutsch A2“ vor sich auf dem Tisch liegen. Daneben steht Kuchen vom Vortag und eine Vase mit frischen Blumen, weil sich doch Besuch von der Zeitung angekündigt hat.

„Von der Tafel,“ erklärt sie. Dort kauft sie meistens ihre Lebensmittel, denn mit den rund 300 Euro, die sie monatlich zur Verfügung hat, muss sie gut haushalten. Ihr Mann hat keine Einkünfte mehr in Syrien, sie schickt ihm Geld, wann immer es geht.

Es gibt noch kein Internet in der Unterkunft, also müssen Prepaid-Karten für das Handy her, das Brot aus dem türkischen Supermarkt erinnert ein bisschen an zu Hause, und manchmal möchte sie Jana einfach ein Stück Schokolade kaufen, damit sie einen Moment die Geschwister und den Vater in der Ferne vergisst.

Wann und wie es weitergeht

Sie ist dankbar für die Hilfe in Deutschland. „Die offene Gesellschaft, die Freiheit, darum sind wir gekommen. Nicht für Geld vom Staat oder kostenlosen Wohnraum.“ Das wurde ihr einmal schroff vorgeworfen. Ein Einzelfall, wie sie betont. Sie freut sich, dass sie einige deutsche Freunde gefunden hat, die sie besuchen und ihr helfen, und auch die anderen in der Unterkunft sind von Fremden zu Freunden geworden.

Doch das Warten, das Nichtstun und die Ungewissheit, wann und wie es weitergeht, zermürbt sie.

Hanna Lohmann

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
Klompenkönig 2016
Bildgalerie
Vluyn
Moers Festival
Bildgalerie
Pfingstmontag
Moers Festival
Bildgalerie
Jazz
Eröffnung Stadtkirche
Bildgalerie
Religion
article
11508786
Von Damaskus nach Neukirchen-Vluyn
Von Damaskus nach Neukirchen-Vluyn
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-moers-kamp-lintfort-neukirchen-vluyn-rheurdt-und-issum/von-damaskus-nach-neukirchen-vluyn-id11508786.html
2016-01-30 08:00
Nachrichten aus Moers Kamp-Lintfort Neukirchen-Vluyn Rheurdt und Issum