Verunsicherung nach Massenkündigung in Neukirchen-Vluyn

Bei den Hochhäusern Leibnizstrasse, Humboldtstrasse und Vluyner Nordring werden die noch existierenden Mietverträge vom Vermieter aufgekündigt.  Hier: Humboldtstraße 14, 16, 18.      Foto: Volker Herold / FUNKE Foto Services
Bei den Hochhäusern Leibnizstrasse, Humboldtstrasse und Vluyner Nordring werden die noch existierenden Mietverträge vom Vermieter aufgekündigt. Hier: Humboldtstraße 14, 16, 18. Foto: Volker Herold / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
150 Mietern auf einen Schlag gekündigt: Der Neubesitzer der Hochhaussiedlung in Neukirchen-Vluyn will die Gebäude offenbar sanieren.

Neukirchen-Vluyn.. Verunsicherung, Angst vor dem, was kommen wird – so reagiert ein Großteil der Mieter der Nau-Bauten auf die Massenkündigung durch den neuen Eigentümer. Sie fürchten vor allem eine „Luxussanierung“ der Gebäude, die ihnen eine Rückkehr zur Leibnitz-, der Humboldtstraße oder zum Vluyner Nordring unmöglich machen würde. Was Hans Jorg Olbrich, der die Häuser Anfang Dezember ersteigert hatte, genau plant, will er erst Ende Januar mitteilen. Gegenüber der Redaktion hieß es am Montag auf Anfrage kühl: „Die Geschäftsführung äußert sich nicht.“

Die Kündigungen zum Jahresanfang kamen überraschend. Einzig die Verwaltung vor Ort war wohl ein paar Tage früher informiert. Dem Vernehmen nach war dem Büro ein ganzer Karton mit Briefen zugeschickt worden, verbunden mit dem Auftrag, sie in diesen Tagen in die Briefkästen zu stecken. Rund 150 Kündigungen waren es, demnach ist nicht einmal mehr die Hälfte der 364 Wohnungen belegt.

„Ich will hier nicht weg“

Thomas ist einer von ihnen, auch er soll seine Wohnung bis Ende März geräumt haben. Der Mann steht am Montagmorgen mit mehreren Nachbarn auf einem Platz zwischen den Häusern an der Humboldtstraße. Seinen kompletten Namen will er nicht in der Zeitung sehen, sein Foto schon gar nicht. „Ich lebe mein ganzes Leben hier“, sagt der 37-Jährige. Wie so viele in dieser Siedlung ist er arbeitslos, die 441 Euro Kaltmiete für seine 63 Quadratmeter in der vierten Etage überweist das Job-Center. „Für das Geld bekomme ich keine andere normale Wohnung“, fürchtet er. Thomas’ Nachbar Joachim will sich zwar wehren. „Ich will hier nicht weg“, erklärt der 42-Jährige und eine ganze Reihe der Umstehenden stimmt zu. Gleichzeitig wissen alle, dass der Auszug kaum zu verhindern sein dürfte, denn Joachim ist morgens bereits bei einem Anwalt gewesen: „Der hat gesagt, dass das alles rechtens ist, da machen wir nix gegen.“ Vermutlich hat der Anwalt, den Joachim zitiert, recht.

Wohnen Hans Jorg Olbrich hatte das aus den 70er Jahren stammende Gebäudeensemble mit insgesamt 384 Wohnungen an der Humboldt- und der Leibnitzstraße sowie am Vluyner Nordring erst Anfang Dezember bei einer Zwangsversteigerung erworben. Nun macht er von seinem außerordentlichen Kündigungsrecht Gebrauch, das er hat, wenn er „durch die Fortsetzung des Mietverhältnisses an einer angemessenen wirtschaftlichen Verwertung des Mietobjektes gehindert wird und dadurch erhebliche Nachteile erleidet“, wie es im Kündigungsschreiben der Verwaltungsgesellschaft heißt. Juristisch sei das in Ordnung, hat man bei der Stadt ebenso prüfen lassen wie bei der Diakonie, die den „Treff 55“ im Erdgeschoss am Nordring betreibt.

Spekulationen nach Massenkündigung im Brennpunkt

Fest steht bislang nur, dass die jetzigen Mieter gehen müssen und Olbrich an der Stelle investieren will. Was er genau vorhat, ist ungewiss. Im Kündigungsbrief an die Mieter ist zwar von der Sanierung der Gebäude die Rede. Doch die Massenkündigung von Mietern in einem sozialen Brennpunkt bietet den schönsten Nährboden für Spekulationen und Gerüchte, zumal der Preis von 8,2 Millionen Euro, den Olbrich bei der Zwangsversteigerung für die Häuser bezahlt hat, deutlich über deren Verkehrswert lag. So wollen die einen nun wissen, dass die Gebäude abgerissen werden, die nächsten haben gehört, dass dies nur für einen Teil gelte und der Rest teuer modernisiert werde. Die Informationspolitik des Eigentümers trägt nicht gerade zur Klärung seiner Zukunftspläne bei. Niemand bei der Verwaltungsgesellschaft mit Sitz in Leipzig hatte am Montag Zeit, auf Fragen zu antworten.

Immerhin telefonierte Eigentümer Hans Jorg Olbrich mit Bürgermeister Harald Lenßen, denn auch der zeigte sich zunächst irritiert, hatte Olbrich ihm doch zugesagt, mit ihm Ende Januar seine Sanierungspläne zu besprechen. Dabei, so versicherte ein Rathaus-Sprecher anschließend, werde es auch bleiben. Olbrich habe zudem eingeräumt, dass es „unglücklich“ gewesen sei, der Stadtverwaltung vorher keinen Hinweis zu geben. Allerdings habe er wegen der engen Fristen des Sonderkündigungsrechtes jetzt schnell reagieren müssen. Unterm Strich könne man mit der Entwicklung zufrieden sein: „Alle wünschen sich seit Jahren, dass sich etwas tut.“

Dennoch reagierte der SPD-Fraktionsvorsitzende Jochen Gottke kritisch. Auf Facebook nannte er das Vorgehen des Eigentümers „ein mieses Stück“. Die Fraktion NV Auf geht’s ist überzeugt, dass auf etliche Mieter nun kaum lösbare Probleme zukommen, die Stadt müsse gegenüber Olbrich ihrer Fürsorgepflicht für die Bürger nachkommen. Die unbezahlte Grundsteuer und vor allem die Verzugszinsen, glaubt Fraktionschef Klaus Wallenstein, seien bei den Verhandlungen durchaus ein probater Hebel.

Allen Mietern bietet der Wohnungsverwalter Ersatzwohnraum am Kiefern-, Ulmen- und Terniepenweg. Thomas, Joachim und andere Mieter von der Humboldtstraße reagieren darauf mit einem Achselzucken: „Die Häuser sehen noch schlimmer aus“, heißt es unisono. „Da sind ja schon die Verkleidungen von den Wänden abgerissen.“

Freilich gibt es auch Bewohner, die gelassener reagieren. Dirk Biallas etwa, der mit Lebensgefährtin und Tochter am Vluyner Nordring wohnt: „Nach der Zwangsversteigerung war doch klar, dass sowas passieren würde. Diese Wohnungen kann man nicht sanieren, während die Mieter darin wohnen.“ Das Ersatzangebot am Kiefernweg interessiert den Musikproduzenten und Schlagersänger eher wenig. Biallas ist auf Wohnungssuche – „und zuversichtlich“.