„Unsere Moral möcht’ ich nicht haben!“

Kabarettist Hagen Rether.
Kabarettist Hagen Rether.
Foto: Funke Foto-Services
Was wir bereits wissen
Die Gäste in der Neukirchen-Vluyner Kulturhalle brauchten Ausdauer: Erst kurz vor Mitternacht machte Hagen Rether Schluss.

Neukirchen-Vluyn.. Da sitzt ein Mann auf der Bühne der Kulturhalle, und seine Zuhörer lassen sich von ihm über drei Stunden lang unangenehme Wahrheiten um die Ohren hauen. Hagen Rether stellte diese Frage zwar in einem anderen Zusammenhang, aber sie sei dennoch erlaubt: „Warum machen wir das?“ Die Antwort ist einfach: Weil’s Spaß macht.

Und weil man hernach gemütlich im heimischen Sofa zurücklehnen und sich im Glanze seines gesellschaftskritischen Engagements – eben des Kabarettbesuchs – sonnen kann. Die politischen und die ach so menschlichen Absurditäten des Alltags spießte Hagen Rether genüsslich auf und servierte sie als schwer bekömmliche Häppchen dem Publikum. Über vieles mögen sich die Zuschauer schon selbst Gedanken gemacht haben, aber es ist einfach schön, sich diese flüchtigen Gedanken mit wortgewaltigen Ankern ans eigene Gewissen ketten zu lassen.

Ein Grundübel unserer Zeit stellet Rether gleich an den Anfang: „Wir waren noch nie so satt und sicher.“ Diesen Zustand, von dem nur ein paar Hundert Kilometer entfernt die Spanier und Griechen nur träumen könnten, identifizierte der Mann aus Essen als die Ursache der Schafsgeduld und Dummheit des gemeinen Wählers: „Der Wähler geht immer mit dem Onkel mit, der ihm ein Bonbon verspricht.“

Wer ist hier der böse Wolf?

Hagen Rether gab sich als Verfechter der stabilen Demokratie, die sich auch durch terroristische Anschläge nicht vom rechten, Pardon, richtigen Weg abbringen lassen dürfe. Die Angst vor bärtigen Selbstmordattentätern hielt er angesichts von 70 000 Alkohol-Toten im Jahr für übertrieben – gleichzeitig allerdings ließ er deutlich werden, dass er damit leben könne, angesichts drohender Amokläufe die Schützenvereine zu verbieten. Etwa zweierlei Maß, Herr Rether?

Einem wie ihm, der auszieht, die Welt zu verändern, sind Unwissen und Dummheit ein Gräuel. Der Mann, der in einen Buchladen geht und sagt: „Ich hätt’ gern einen Globus vom Ruhrgebiet“, der treibt offenbar einen Rether zur Verzweiflung: „Das sind Wähler. Die haben Kinder, denen sie die Welt erklären.“ Ihn ebenso wie den bierbäuchigen Freizeitrennradler in eng anliegender Wurstpelle, den Inbegriff der Anmut, nahm der Gesellschaftskritiker in weißen Kniestrümpfen gern aufs Korn. Krieg, Börsenhaie, die Macht der Mächtigen, die noch größere Macht der Lobbyisten – alles ein gefundenes Fressen.

Franjo Terhart, seines Zeichens Kulturbeauftragter, hatte den Essener Kabarettisten nicht zum ersten Mal in die Kulturhalle geholt: „Vor vier Jahren war er das letzte Mal bei uns.“ So lange soll es bis zum nächsten Besuch nicht dauern, was ihm das Publikum danken wird. Immerhin war die Kulturhalle am Donnerstagabend doch gerammelt voll.