Requiem für das lebendige Theater
20.04.2008 | 20:49 Uhr 2008-04-20T20:49:57+0200PREMIERE. Junges Regie-Team und junges Ensemble beeindrucken mit Einar Schleefs "Die Schauspieler".
MOERS. Wie kann man Theater machen angesichts von Elend, Krankheit, Tod? Ist Theater Luxus? Ist das Theater tot? Diese Fragen werden nicht nur an Theatermacher heran getragen, sie stellen sie sich längst selbst. Die packende Inszenierung von Einar Schleefs "Die Schauspieler", die am Freitag in der Theaterhalle am Solimare Premiere hatte, gibt eine Antwort: Nirgendwo sonst als im Theater werden so unmittelbar und intensiv Fragen an das Menschsein gestellt.
Vielleicht stellt das Regie-Team aus Alexander Kerlin, Fabian Lettow und Mirjam Schmuck die Fragen mit zu großem Ernst. Andererseits ist das das gute Recht von jungen Theatermachern, von denen man nicht die kühle Distanz erwarten darf, aus der Ironie entsteht. Dass es einen solchen Augenblick nicht gibt, ist der einzige Einwand, den man nach diesen ungemein dichten, kraftvollen Theaterabend erheben kann.
Das Publikum in seiner Rolle
Das Publikum sitzt auf gegenüber liegenden Tribünen seitlich der schwarzen Spielfläche, hat also auch immer das Publikum als Teil des Spiels im Blick. Unangenehm direkt leuchten die Scheinwerfer, und wenn sich der Chor nach antikem Vorbild im Rücken der Zuschauer aufstellt, wird auch hier deutlich: Dies ist nicht der Ort, sich gemütlich zurückzulehnen.
Der Chor ist das Leben draußen. Außerhalb dieses Nachtasyls, das die Schauspieler besuchen, um ihre Rollen als Arme besonders glaubwürdig spielen zu können, toben Pest, Krieg, Revolution. Tobt das "wirkliche" Leben, in dem der Mensch gegen den Tod und für ein besseres Leben kämpft.
Die Schauspieler sind den Elenden, die im Nachtasyl ihr Dasein stöhnend, schreiend, putzend oder längst verstummt fristen, nicht willkommen. Gegensätze prallen aufeinander, Gemeinsamkeit kann nur im Suff erwachsen. Das Wasser aus den Pet-Flaschen spritzt und fließt literweise, doch ein Rausch wird nicht gezeigt, sondern findet nur im Text statt. Und in einem der Lieder, die dem Abend viel Atmosphäre geben. Sie zeichnen poetische Bilder wie Schumanns "Gebt mir zu trinken"; oder sie werfen mit Brecht/Eislers "Einheitsfront" oder einem Auszug aus dem Brahms-Requien politische und religiöse Fragen ein.
Wirkliche Gemeinsamkeiten kann es zwischen den Gruppen nicht geben, das Klavier wird zur Grenze zwischen Schauspielern und Asylbewohnern. Die einen wollen ein neues Theater erfinden, das die Wahrheit des Elends zeigt, und sind bereit, dafür ihr bürgerliches Leben zu opfern. Das haben die anderen längst verloren und müssen sich den Gesetzmäßigkeiten des Asyls unterwerfen. Ihre Armut ist eklig, und es kommt der Punkt, an dem sie sich nicht länger zur Besichtigung frei geben wollen.
Dass hier keine Profis auf der Bühne stehen, sondern Theater-Studenten, ist nicht zu spüren. Wie es das Regie-Team geschafft hat, aus diesem Laien-Ensemble Schauspieler zu formen, ist mehr als beachtlich. Text und Gesang sind untadelig, zugleich sind die Darsteller körperlich ungemein gefordert. Konzentriert und dynamisch erreichen sie eine hohe Präsenz in dieser Inszenierung, deren Pulsfrequenz zwischen Stillstand und Tempo vibriert. Ein eindringliches Requiem auf das höchst lebendige Theater.KOPRODUKTIONDas Stück ist herausgekommen als Koproduktion zwischen dem Schlosstheater und dem Theater im Ringlokschuppen Mülheim in Zusammenarbeit mit dem Theater im Pumpenhaus Münster, dem Festival Theaterzwang, Dortmund, und dem Institut für Theaterwissenschaft Bochum. Es wurde gefördert von der NRW-Staatskanzlei.
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