Odelo-Mitarbeiter reden Klartext über Arbeit vor dem Jobverlust

Mirjam Bolinski vor der Firma Odelo.
Mirjam Bolinski vor der Firma Odelo.
Foto: Christoph Karl Banski
Was wir bereits wissen
Rund zwei Drittel der Mitarbeiter müssen gehen, wenn Odelo von Kamp-Lintfort nach Istanbul zieht. Betroffene erzählen von schlechten Arbeitsbedingungen.

Kamp-Lintfort.. Zukunft? Von der Zukunft erhoffen sich die Mitarbeiter des Odelo-Werkes an der Carl-Friedrich-Gauß-Straße wenig bis nichts. Die Massenentlassung ist beschlossene Sache, zwei Drittel der rund 140 Mitarbeiter müssen gehen. Die Redaktion sprach mit zweien von ihnen: Mirjam Bolinski und Karlheinz Mühlenbruch reden Klartext über ihre Arbeit der letzten Jahre, ihre Entlohnung und ihre große Enttäuschung.

Mirjam Bolinski arbeitet seit rund 15 Jahren im Unternehmen. Sie kennt es noch unter dem Namen Wustlich und Global Light, hat das Werk gewissermaßen mit aufgebaut. Die Qualität aus Kamp-Lintfort war immer gefragt – wer einen Audi, BMW, Mercedes oder Porsche fährt, der fährt mit Leuchtdioden aus, die im Gewerbegebiet Diep­rahm hergestellt wurden.

Doch nun regiert der Rotstift, und Mirjam Bolinski steht vor der Arbeitslosigkeit: „Das Arbeitsamt war schon da und hat Fragebögen verteilt.“ Ihre Chancen auf einen neuen Job beurteilt die 40-Jährige so: „Sieht schlecht aus mit Anschlussjobs. Ich stehe dann ganz allein da.“ Sie spricht von den Jahren ohne Lohnerhöhung, von Conti-Schichten, den Sechs-Tage-Wochen: „Nur knapp über Mindestlohn, dafür aber drei Schichten.“ Gearbeitet worden sei auch an Feiertagen: „Hier hast du wirklich alles mitgemacht.“

Zwischen 1650 und 2000 Euro brutto, so bestätigt Betriebsratsvorsitzender Jörg Lehmann, verdiene man bei Odelo in der Fertigung. Viele Kollegen seien aus dem Bergbau, von Siemens oder BenQ gekommen – einmal mehr stehen sie vor der Arbeitslosigkeit.

Verzichtet für den Joberhalt

Karlheinz Mühlenbruch sieht mit seinen 59 Jahren keine Chance mehr auf einen neuen Job: „Ich bin ein Reha-Fall.“ Seit sieben Jahren arbeitet er bei Odelo. „Vor zwei Jahren hat man uns erzählt, wir müssten etwas für den Erhalt unseres Arbeitsplatzes tun, jahrelang hat man auf 500 Euro im Monat verzichtet, um die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens zu erhalten.“ Nach zwei Jahren Conti-Schicht, so Mühlenbruch, „waren wir kaputt wie die Hunde. Wir haben mehr als genug getan.“ Und dann, so sagt er verbittert, werde einem gesagt, dass man überall auf der Welt besser und billiger produzieren könne als in Kamp-Lintfort. Aber: „Alles schreit nach Fachkräften – hier sind sie! Die Kollegen können sich in jeden anderen Job einarbeiten, fast jeder von ihnen hat zwei Berufe erlernt.“

Sein Fazit klingt bitter: „Man hat uns jahrelang verschaukelt, und jetzt schickt man uns einfach weg.“ Der Betriebsrat, da sind sich Bolinski und Mühlenbruch einig, tue alles Menschenmögliche; sie blicken den 45-jährigen Betriebsratsvorsitzenden Jörg Lehmann an, der auch schon 17 Jahre in der Firma ist, und Mirjam Bolinski setzt hinzu: „Wir sind zu wenige, um uns zu wehren. Aber wir kämpfen bis zum Schluss.“