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Nicht nur so vor sich hinsingen

15.06.2007 | 04:00 Uhr

INTERVIEW. Marliese Brinkmann setzt sich unermüdlich für das Chorwesen ein. Sie ist Vizepräsidentin des Sängerbundes NRW.

MOERS. Pflicht und Kür nimmt die waschechte Repelenerin Marliese gleich ernst. Auch wenn ihr das Singen im Meisterchor "Cantare" Repelen mehr Spaß macht, kümmert sie sich kompetent und mit einem Sack voll neuer Ideen um die Belange des Chorwesens. Das brachte der 51-Jährigen jetzt das Amt der Vizepräsidentin des Sängerbundes NRW ein, eine von drei Stellvertretern des Präsidenten Hermann Otto. Reformfreudigkeit kommt derzeit gut an im Spitzengremium des Landesverbandes, der sich demnächst Chorverband NRW nennt.

Wie wichtig ist für Sie das Singen?

Brinkmann: Das ist unverzichtbarer Teil meines Lebens. Meine Eltern sind beide Chorsänger, der Vater im MGV "Liederkranz" und die Mutter im Frauenchor Repelen, der ja heute "Cantare" heißt. Der Chor wurde 1965 gegründet, und ich selbst bin immerhin seit 1968 dabei - damals war ich 16, als ich in die Reihe der Sopranstimmen aufgenommen wurde.

Was singen Sie am liebsten?

Brinkmann: Eigentlich alles gerne - etwa das "Deutsche Requiem" von Brahms wie moderne Melodien. Damals allerdings war das Repertoire noch die "normale" volkstümliche Musik. Ehrlich gesagt, das habe ich nicht ganz so gerne gesungen. heute sind wir abwechslungsreicher als je und stellen uns viel mehr auf den Geschmack der Leute ein.

Eine Steigerung des Anspruchs bei "Cantare" kam mit dem Dirigat von Chorleiter Hermann-Josef Roosen?

Brinkmann: Ja, und es ist sehr erfreulich, dass die höher gelegte Messlatte nur wenige der damaligen Sängerinnen abgeschreckt hat. 1994 haben wir dann zum erstenmal den Titel eines Meisterchores ersungen.

Sie haben sich neben dem Singen bald auch aktiv für den Chor eingesetzt, der ja auch als Verein geführt werden muss.

Brinkmann: Ja, zunächst als Notenwartin 1986 wurde ich - als eine der jüngsten Sängerinnen in der Formation - einstimmig zur Vorsitzenden gewählt. Das bin ich bis heute.

Sie haben interessante Pläne zur Reformierung der Chorarbeit bei "Cantare" entwickelt - fast könnte man sie "revolutionär" nennen...

Brinkmann: Singen muss in unserer Gesellschaft wieder einen höheren Stellenwert bekommen. Das beginnt in den ersten Jahren - mit "Toni im Liedergarten", 18 Monate alte Kinder bis zum Eintritt in den Kindergarten. Dafür übernimmt immer ein etablierter Chor die Patenschaft; leider machen das aber noch viel zu wenige. Dabei kostet es die Chöre doch nichts, außer etwas Engagement.

Und dann sollen die Menschen kontinuierlich durch alle Altersstufen begleitet werden?

Brinkmann: Weil man mit herkömmlichen Repertoires nicht mehr alle potenziell sangeslustigen Menschen erreichen kann, haben wir unser Angebot aufgefächert - erst die "Cantare Kiddis", die Jugend findet sich wieder in den "Young Voices", langjährige Sängerinnen und Sänger können sich weiterhin an herkömmlichem Liedgut erfreuen, jüngere in unserer Abteilung "Musical Collection", alles unter der Dachmarke "Cantare". Im "Collegium Vocale" pflegen ausgesuchte Sängerinnen die klassische Literatur.

Damit soll auch den früheren "Nachwuchsprobleme n" so vieler Chöre und Gesangs-vereine entgegengewirkt werden?

Brinkmann: Und wir haben auch schon die ersten Erfolge: Die ersten Neuen, die kamen, waren Mütter der Liedergarten-Kinder. Und bei Schnupperproben kamen in diesen Tagen rund 25 Interessierte, 18 davon waren zur "Musical Collection" orientiert, übrigens ganz junge Frauen dabei, die ganz begeistert waren. Da müssen wir allerdings zwei Dinge voraussetzen - gesungen wird vor allem in englischer Sprache, und es muss alles auswendig beherrscht werden.

Das Abholen in der frühen Kindheit hat Methode...

Brinkmann: Ja, das hat auch der Sängerbund erkannt. Die nächste Stufe - für Kindergartenkinder - wird Ende des Jahres eingerichtet, dritter Schritt soll sein "Toni geht in die Schule". Genau dort wird viel zu wenig gesungen. Es ist doch so, wer in der Kindheit gesungen hat, wird auch weiter Spaß daran haben, und genau da wollen wir in allen Altersstufen etwas anbieten können.

Ein Umdenken unter den Chören?

Brinkmann: Es ist noch nicht selbstverständlich, aber wir wollen zeigen: es geht. Nicht nur so vor sich hin singen, sondern etwas tun.

Mit ihren Repelener Ideen haben Sie auch beim Sängerbund Anklang gefunden. Nicht zuletzt mit solchen modernen Ideen haben sie einen Platz im Präsidium bekommen?

Brinkmann: Ja, die passen so gut in die Bundeslandschaft, der Sängerbund insgesamt will offensiver werden, um junge Menschen zu gewinnen. Mit dem neuen Namen "Chorverband NRW" wird ein neues Leitbild einhergehen.

Das alles geht bei "Cantare" mit einer tiefgreifenden Umstrukturierung einher.

Brinkmann: In der Tat. Um flexibler und wirtschaftlicher arbeiten zu können, wollen wir uns eine neue Rechtsform geben. Vom Verein zur gemeinnützigen GmbH. Die Chormitglieder werden Gesellschafter.

Mal zurück zu dem, was Sie ursprünglich in den Chor gebracht hat: Singen. Sie lieben es. Was aber hassen Sie am meisten?

Brinkmann: Wenn ich was falsch singe - oder unser Chorleiter mich korrigiert, wenn ich mein eigenes Metrum singe. Ich sehe es dann meistens auch ein. Wir könnten uns aber auch keinen besseren vorstellen...

Marliese Brinkmann ist ein echtes Repelener Gewächs; schon die Eltern sind hier verwurzelt. Sie studierte in Köln Pädagogik, ist heute Konrektorin an der Emmanuel-Felke-Grundschule in Repelen.

Mit 16 Jahren trat Marliese Brinkmann 1968 in den Frauenchor Repelen ein, übernahm zunächst das überaus wichtige Amt der Notenwartin, wurde vor 21 Jahren dann Vorsitzende des Chores, der mittlerweile in "Cantare" Repelen umgetauft wurde. Sie arbeitet mit Chorleiter Hermann-Josef Roosen nicht nur im Verein eng zusammen, sondern auch auf der nächsthöheren Ebene: Brinkmann ist Vorsitzende des rund 50 Chöre umfassenden Sängerkreises Moers, Roosen Kreischorleiter.

Damit nicht genug: Marliese Brinkmann wurde auf der jünsgten Versammlung des Sängerbundes NRW zur Vizepräsidentin gewählt. Der Sängerbund heißt nunmehr Chorverband NRW - das wird offiziell erst mit der Eintragung ins Vereinsregister.

Brinkmann ist verheiratet mit Klaus-Eckhard Brinkmann, hat eine erwachsene Tochter. Die singen beide nicht...

Ihre weiteren Hobbys: Skifahren, Wandern, Radfahren, gartenarbeit und Tennis. (da)

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