Nach 73 Jahren Grabstätte in Moers gefunden

Ingeborg Lay-Ruder, Andrey Lugin, Galina Lugina, Jenny Friesen  (v.l.)
Ingeborg Lay-Ruder, Andrey Lugin, Galina Lugina, Jenny Friesen (v.l.)
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Galina Lugina und ihr Sohn Andrej Lugin standen in Moers vor dem Grab des Groß- und Urgroßvaters, der hier im Jahr 1942 als Zwangsarbeiter starb.

Moers..  Eine lange Reise, eine sehr lange Reise war es für die Lehrerin Galina Lugina und ihren Sohn Andrej Lugin. Eine Reise nicht nur über Tausende von Kilometern von Moskau hierher an den Niederrhein, sondern auch eine Reise weit zurück in die Vergangenheit. Gestern standen sie auf dem Friedhof Lohmannsheide vor dem Grab des Nikolaj Beketow, gestorben am 31. August 1942, gestorben im Alter von nur 39 Jahren. Für die Mutter und ihren Sohn, für die ganze Familie endete damit eine Jahrzehnte währende Ungewissheit.

Nikolaj Beketow war der Leiter einer Kolchose, geriet als Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft, kam in das „Kriegsgefangenen-Stammlager Fichtenhain b. Krefeld.“ Dort starb er an den Folgen eines Schädelbruchs, wie Dokumente aus dieser Zeit belegen – ob es ein Mord war oder ein Unfall, das wird seine Familie 73 Jahre danach wohl nicht mehr erfahren.

Ihr Vater hatte einen Traum

„Als ich klein war, hat Vater immer über Opa erzählt, hat immer sofort Tränen in den Augen gehabt.“ Galina Lugina hat ihren Großvater nie kennen gelernt, aber das Leid ihrer Eltern ist ihr nur zu gut in Erinnerung geblieben. „Vater hat immer einen Traum gehabt: seinen Vater zu finden.“ Die Erfüllung dieses Traumes blieb ihm selbst verwehrt, aber sein Enkel Andrej Lugin schaffte das vermeintlich Unmögliche, klärte das Schicksal seines Urgroßvaters auf und fand in Moers dessen Grab. Er selbst hatte kaum noch daran geglaubt: „Wir hatten keine Hoffnung.“

Doch dann ging alles plötzlich ganz schnell. So schnell, dass noch nicht einmal genug Zeit blieb, alle Familienmitglieder von der Reise nach Deutschland zu unterrichten. Der Moerser Verein „Erinnern für die Zukunft“ leistete wertvolle Hilfe. Inge Lay-Ruder nahm sich in Moers der russischen Gäste an, Jenny Friesen stellte sich als Dolmetscherin zur Verfügung. „Wir sollten nicht vergessen, dass es mit Netzwerkarbeit gelang“, bittet Andrej Lugin und dankt so all denen, die ihm und seiner Mutter halfen.

Vermächtnis des Nikolaj Beketow

Für Galina Lugina ist der 12. Juni ein Gedächtnistag. Gestern vor zehn Jahren starb ihr Vater, und gestern erfüllte sie dessen Lebenstraum. Bevor sie und ihr Sohn zum Friedhof Lohmannsheide fuhren, sagte sie: „Wir sollten über die Geschichte reden. Und wir alle sollten kämpfen gegen den Krieg.“ Mit Worten gegen den Krieg zu kämpfen – das ist das Vermächtnis des Nikolaj Beketow, Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter, beerdigt fernab seiner russischen Heimat auf einem Friedhof in Moers.