Na dann, habt gut Acht
30.12.2011 | 18:24 Uhr 2011-12-30T18:24:00+0100
Achtung, Satire: Da kommt allerhand auf uns zu im nächsten Jahr. Wenn auch vielleicht nicht genau dieses.
Wieder liegt ein Jahr vor uns, frisch und unverbraucht. Es wird eines voller Entscheidungen sein: Was passiert mit dem Weihnachtsmarkt, wie lassen sich Löcher im Haushalt stopfen und was wird aus dem alten neuen Rathaus? Wir haben da mal in die Zukunft geschaut und erstaunliche Dinge entdeckt. Leider – oder zum Glück – ohne Gewähr. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und wahren Begebenheiten sind beabsichtigt, aber maßlos übertrieben.
JANUAR
Ein kalter Nordwind bläst durch die Straßen von Moers. Der Neujahrsempfang des Bürgermeisters ist verschoben auf Mitte Juli. Das erforderliche Gutachten ist noch nicht fertig. Die Stadt hatte es in Auftrag gegeben, um zu klären, wie viele Flaschen Sekt pro Nase ausgeschenkt werden dürfen, ohne dass der Landrat einschreitet. Der Schulausschuss tagt am 30. in der Justus-von-Liebig-Schule. Bei Kerzenschein. Der Elektriker konnte die Deckenlampen nicht installieren, weil die massive Holzkonstruktion nicht zu durchdringen war.
In Kamp-Lintfort gründet sich die Initiative „Fordern und Fördern“ zur Rettung des RAG-Turms. Bei der Gründungsversammlung ketten sich einige Mitglieder an die Stahlträger. Sie wollen nicht, dass ein Investor aus dem Wahrzeichen eine High-End-Free-Climbing-Adventure-Arena für gestresste Manager macht.
FEBRUAR
Der Nelkensamstagszug wird elf Minuten vor Beginn abgesagt. Das Gutachten, das klären sollte, ob die Mützenhöhe des Karnevalsprinzen irreparable Nackenschäden bei den Zuschauern am Straßenrand verursacht, war nicht machbar. Es fand sich kein Experte für das Thema. In Neukirchen-Vluyn gründet sich der Verein „Fit durch Trockenschwimmen“. Auch viele Rheurdter schließen sich begeistert dem Verein an.
MÄRZ
Die Märzsonne taucht das leer stehende, alte neue Moerser Rathaus in ein mildes Licht. Drinnen werkeln die Schreiner. Bald soll hier ein Museums-Center für moderne Architektur eröffnet werden. Kulturdezernent Hans-Gerd Rötters hat lange für diese Idee gekämpft. „Das wird ein echter Hingucker“, freut er sich. Ein Gutachten hatte das Gebäude als herausragendes Beispiel für außergewöhnliche Baukunst benannt. Rötters nimmt Kontakt mit dem Unesco-Kommitee für das Weltkulturerbe auf.
In Neukirchen-Vluyn stellt sich ein namhafter Architekt vor. Er will das Stursberg-Gymnasium sanieren. „Es könnte etwas länger dauern“, räumt er ein. Bürgermeister Lenßen fragt in Moers an, ob für die Umbauzeit die alten oder neuen Gebäude der Justus-von-Liebig-Schule für die Stursberg-Schüler zur Verfügung stünden. Moers lehnt ab: „Wir nehmen keine Auswärtigen.“
APRIL
Im neuen neuen Rathaus gibt es Ärger. Die Kaffeemaschinen sind abgeschafft worden. Laut eines Gutachtens sind ihre Emissionen schädlich für das Raumklima. Die Verwaltungsmitarbeiter klagen zunehmend über bleierne Müdigkeit.
Es steht fest, dass es mit der Eröffnung des Museums im Schloss, die für Mai geplant war, nichts wird. Die hochmoderne Brandschutzanlage reagiert auch auf Sonnenstrahlen. Seit März springt die Sprinkleranlage ständig an und sorgt für feuchte Wände. Museumsleiterin Diana Finkele bewirbt sich für die Direktorenstelle des Museums-Centers für moderne Architektur: „Schluss mit Schloss. Die Puppenstuben und den Kaufladen nehmen wir mit.“ Der Musenhof wird in die Zweigstelle des Museums-Centers, das architektonisch ebenfalls interessante Parkhaus an der Kautzstraße, verlegt.
MAI
Das Moers Festival wartet mit einem neuen Konzept auf. Zelten darf nur noch, wer mindestens fünf Minuten zum Bühnenprogramm beiträgt. Rainer Michalke, künstlerischer Leiter: „Das entlastet unser Budget und dient der Nachwuchs-Förderung.“ Die Zeltstadt platzt aus allen Nähten. Nach einem Blitz-Gutachten wird die A 40 zwischen Moers-Zentrum und Kreuz Moers gesperrt, um auf dem Seitenstreifen Platz für weitere Camper zu schaffen. Michalke trommelt spontan eine illustre Jury zusammen, die „The Voice of Moers“ küren soll. Das Rennen um die Fernsehrechte beschert der Moers Kultur GmbH Einnahmen in schwindelnder Höhe. Kultur GmbH und Fernsehsender sind sich einig: Der vierte Festival-Tag muss wieder her. Den Wettbewerb gewinnt Rolf aus Repelen knapp vor Pat Metheny. „Rolf hat mit seiner Blockflöte einfach Emotionen geweckt“, begründet die Jury. Und außerdem: „Auswärtige nehmen wir nicht.“
JUNI
Schlosstheater-Intendant Ulrich Greb stellt das Motto für die kommende Spielzeit vor: „Unter uns – eine theatrale Begegnung mit dem Mikro-Kosmos“. Greb: „Gerade in Zeiten der Globalisierung besinnen sich die Menschen auf ihr direktes Umfeld.“ Gerüchte, nach denen die Schauspieler nur noch mit Scheuklappen auftreten sollen, weist er vehement von sich. „Im Gegenteil, wir öffnen uns weiter und suchen einen neuen Spielort in Kapellen.“
Im Kulturausschuss regt die Opposition an, ein Gutachten in Auftrag zu geben, um zu klären, ob ein fünfter oder gar sechster Moers-Festival-Tag den Haushalt sanieren könnte. Ingo Brohl (CDU): „Außerdem müssen wir unser Image als Kulturstadt pflegen.“
JULI
Die Nikoläuse, die mit Mantel und Rauschebart rechtzeitig für den Weihnachtsmarkt werben, schwitzen bei 30 Grad. Trotz Kunstschnee und Bühnenprogramm mit Neujahrsempfang des Bürgermeisters will beim Probelauf im Schlosspark der Funke nicht recht überspringen. Michael Birr von der Moers Marketing kann es sich nicht erklären: „Wahrscheinlich lag‘s am Wetter.“ Das Gutachten, das diesen Probelauf empfahl, beruhte bei der Temperatur auf Jahresmittelwerten.
Die Initiative „Fordern und Fördern“ in Kamp-Lintfort steht mit einem Casino-Betreiber in Kontakt: „Als Glücksrad bliebe der Turm ein Symbol: Wir können alle nur gewinnen.“ Bürgermeister Christoph Landscheidt warnt: „Mit Geld und Glück ist das immer so eine Sache.“
AUGUST
Es regnet. Der künstlerische Leiter des Comedy-Arts-Festivals, Holger Ehrich, setzt angesichts des Erfolgs beim Moers Festival auch auf eine Casting-Show. Er gewinnt lokale Größen für seine Idee: Beigeordneter Hans-Gerd Rötters tritt als Illusionist auf, Bürgermeister Ballhaus überrascht mit einem Drahtseilakt. Linke-Chefin Gabriele Kaenders hat mit ihrer Koch-Show „Ich backe mir einen gesunden Haushalt“ die Lacher auf ihrer Seite. CDU-Fraktionschef Klaus Rudatsch brilliert mit einem Puppenspiel: „Des Kaisers neue Kleider“. Claus Peter Küster von der FBG schmettert als Roberto-Blanco-Double „Ein bisschen Spaß muss sein“. Das Publikum jubelt. Holger Ehrich freut sich und zitiert ein von der Stadt in Auftrag gegebenes Geheimgutachten: „Wozu brauchen wir Auswärtige?“
SEPTEMBER
Das neue Schuljahr hat begonnen. Aber die Justus-von-Liebig-Schüler sind immer noch nicht eingezogen. Der Holzwurm war schneller. Ein Gutachten soll klären, wie es dazu kommen konnte.
OKTOBER
Die ersten Herbststürme fegen über den Niederrhein. Nachdem sich sämtliche Investoren aus den Planungen für den Königlichen Hof zurückgezogen haben, meldet sich Enni mit einem Paukenschlag: „Windräder haben Zukunft. Warum nicht auch am Kö?“ Enni-Chef Krämer verspricht den Kaufleuten: „Weihnachten werden sie beleuchtet, mehrfarbig. Den Strom sponsern selbstverständlich wir.“ Um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, verweist er auf ein Gutachten, das den Kö als geeigneten Standort ausweist: „Und das ist kein windiges Gutachten.“
NOVEMBER
Entgegen bisherigen Überlegungen wird der Weihnachtsmarkt nicht im Schlosspark eröffnet, sondern auf dem Parkdeck am Wallzentrum: „Der erste zweigeschossige Weihnachtsmarkt“, jubelt Michael Birr vom Moers Marketing. „Damit sind wir deutschlandweit Vorreiter.“ Ein Gutachten hatte diesen Standort als besonders verkehrsgünstig ausgewiesen. Auch das Alleinstellungsmerkmal, auf zwei Etagen Kunsthandwerk und Glühwein anzubieten, sei hervorgehoben worden. Außerdem löse sich das Beleuchtungsproblem durch vorbeifahrende Autos. Als Ersatz für die fehlenden Parkflächen darf im Schlosspark auf den Wiesen geparkt werden.
DEZEMBER
Ein ereignisreiches Jahr neigt sich dem Ende zu. Zahlreiche Gutachten wurden angefertigt. Die müssen alle archiviert werden. In der letzten Ratssitzung stimmt die Politik über den Antrag der Verwaltung ab, dafür an das neue neue Rathaus anzubauen. Der Beschluss wird vertagt. Ein Gutachten soll klären…
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