Moerserin schreibt durchgeknallte Familiengeschichte

Autorin Andrea Reichert
Autorin Andrea Reichert
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Was wir bereits wissen
DieAutorin Andrea Reichert hat ihrer Lieblingsfigur „Sigrun“ keinesfalls autobiografische Züge mit auf den Weg gegeben. Und sie hat auch nichts gegen Lehrer.

Moers..  Nein, Andrea Reichert hat keine durchgeknallte Mutter, die jedes Familienfest sprengt. Insofern musste sich die Moerser Autorin, die bisher mit ihrem Kurzgeschichten-Band „Frau Edeka macht Mittag“ bekannt wurde, ihre Ideen für ihren ersten Roman „Wer zuerst das Meer sieht“ hart erarbeiten.

Das will keiner lesen

„Aus meinem Familienleben kann ich keine Inspiration holen. Das wäre so langweilig, das will keiner lesen“, lacht die studierte Anglistin. Zumal sie nachts schlafe und nicht – wie andere schon mal erzählen – plötzlich von der Muse geküsst hochschreckt. Schreiben ist Handwerk für sie, an dem sie sich gerne schon mal abarbeitet. Aber die lange Form zu versuchen, sei einfach ihr Traum gewesen.

„Fang doch einfach in der Mitte an“, war der gut gemeinte, aber sicher nicht praktikable Ratschlag ihres Gatten, als sie die x-te Version ihres Roman-Einstiegs zum Lesen vorlegte. „Anfangs habe ich mich schwer getan, die Geschichte in den Griff zu kriegen“, beschreibt sie die Mühen, den Erstling in Form zu bringen. In eine Form jedenfalls, die ihren hohen Ansprüchen genüge.

Nicht mal die Lektorin des Mercator-Verlags, in dem Andrea Reichert veröffentlicht, sei so streng zu ihr wie sie selbst, erzählt die Gewinnerin des Moerser Literaturpreises 2010. Und bedauerlicherweise falle es ihr eben leicht, „Dinge wieder aufzuribbeln“ und von vorn anzufangen.

Nach einem Jahr aber war es geschafft, seit Dezember ist die Familiengeschichte auf dem Markt. Die, wie gesagt, keine autobiografischen Züge hat. Schon deshalb, weil Andrea Reichert es für ausgeschlossen hält, mit Eltern oder Schwiegereltern länger als ein Wochenende auf Reisen auszuhalten: „Da gibt es viel zu unterschiedliche Interessen“. Andrea Reichert hat im Gegensatz zu ihrer Roman-Figur Saskia noch Zeit, bis ihre Töchter ins pubertäre Rumzicken verfallen. Und die Moerserin fährt eigentlich viel lieber in die Berge als an die See.

Außerdem hat sie nichts gegen Lehrer. Obwohl diese durchgeknallte Roman-Mutter Sigrun pensionierte Lehrerin ist und so manches Klischee bedient. „Ja, sie ist eigentlich meine Lieblingsfigur in dem Roman, da konnte ich so schön rumspinnen“, lacht die Autorin.

Zum Beispiel, indem Sigrun ihrer spießigen Tochter zum 40. Geburtstag die pikanten „Shades of Grey“ schenkt. Oder die Familie nach 200 Kilometern Autobahn auf dem Weg nach Travemünde zum Umkehren zwingt, weil sie angeblich das Bügeleisen vergessen hat auszuschalten. Und für die „Bausparer“ ein Schimpfwort ist.

Am Strand von Travemünde

Eingebettet in die Familiengeschichte ist eine Liebesgeschichte. Protagonistin Saskia begibt sich – Midlife-Crisis lässt grüßen – auf außereheliche Abwege, aber am Ende wird alles wieder gut. Leichte Lektüre also, die sich flott wegliest, vielleicht am Strand von Travemünde.