Moerser Impoviserin übergibt den Staffelstab

Julia Hülsmann
Julia Hülsmann
Foto: WAZ FotoPool
Die Jazzpianistin Julia Hülsmann verlässt die Grafenstadt. Ihr Nachfolger im Haus an der Kleinen Allee wird der Saxofonist Hayden Chisholm.

Moers..  Ein ereignisreiches und ungewöhnliches Jahr ist für die Jazzpianistin Julia Hülsmann um. Am kommenden Mittwoch, 19.30 Uhr, übergibt sie in der Festivalhalle den Staffelstab als Improviser in Residence an den Saxofonisten Hayden Chisholm. Wir haben mit Julia Hülsmann über die Zeit in der Residenz in der Kleinen Allee gesprochen.

Frau Hülsmann, Sie haben Ihren Job als Improviser sehr ernst genommen und waren mit Ihren Hauskonzerten, der Hörbar und vielen anderen Auftritten sehr präsent.

Das freut mich zu hören. Manchmal ist das ja nicht zu erkennen, wie so etwas wahrgenommen wird. Und ja, ich bin am Anfang vielleicht sogar etwas zu sehr vorgeprescht und merkte dann irgendwann, ich kriege keine Luft. Da muss man dann kurz mal innehalten.

Wie blicken sie auf das Jahr in Moers zurück?

Das war ein ganz, ganz tolles Jahr. Es war ein sehr spannendes Jahr. Ich hab sehr viel noch mal gelernt. Zum Beispiel Solo-Konzerte zu machen. Das habe ich früher nie gemacht und habe solche Anfragen immer abgesagt. Ich habe mich gefreut, dass ich nun Zugang dazu gefunden habe. Ich habe auch viele neue, tolle Musiker kennengelernt und viele Projekte gemacht, die ich vorher nie geschafft habe. Ich habe das sehr genossen und mit ein paar Leuten werde ich sicher weiterarbeiten. Etwa mit Anke Jochmaring. Sie war für mich eine echte Entdeckung. Auch mit Achim Tang oder Tim Isfort werde ich noch was machen.

Haben sie Zeit für viele neue Kompositionen gefunden?

Naja, ich habe mir mehr vorgestellt. Ich habe zwei Arrangements für Chöre geschafft und einige neue Sachen für das Moers Festival geschrieben. Auch das war Neuland: Ohne Bass zu arbeiten und mit viel mehr freien Passagen. Das traue ich mich jetzt mehr.

Sie haben den Moersern viel gegeben. Haben die Moerser Ihnen etwas zurückgegeben?

Jede Menge. Ich habe unheimlich viele, nette Menschen kennengelernt. Man ist mir mit sehr viel Freundlichkeit und Offenheit begegnet. Ich habe es als eine sehr warmherzige Gegend erlebt. In Berlin ist das zuweilen anders, manchmal fast grob. Was ich gemacht habe, ist sehr gut angenommen worden. Und bei mir kam das Dankbarkeit an. Vor allem im Schreiblabor. In diesem Komponierkreis waren fünf Leute, die echt gearbeitet haben. Das war sehr intensiv und auch sehr persönlich. Das freut mich sehr.

Sind Sie froh, wieder in Berlin zu sein?

Ja schon, weil das Pendeln mich schon sehr angestrengt hat, dieses zwei-, drei-, viergeteilte Leben. Aber mein Mann und mein Sohn sind sich so nahe gekommen. Und ich konnte loslassen. Mein Zehnjähriger ist selbstständiger. Ihm ist es übrigens sehr schwer gefallen, das Haus in der Kleinen Allee loszulassen. Das war für ihn wie ein Ferienhaus. Aber ich werde es auch echt vermissen.

W as werden Sie Ihrem Nachfolger als Improviser mit auf den Weg geben?

Ich weiß nicht, ob er Rat braucht. Aber wie gesagt, ich bin am Anfang so losgeprescht. Und wenn dann Anfragen kommen, kann man die gar nicht unterbringen. Also: Lieber in Ruhe anfangen, erst mal sortieren, seinen Platz finden.

Wie haben Sie das Festival und die neue Halle erlebt?
Ich fand’s toll. Ich kenne beides, das Zelt und die Halle. Ich mochte das Zelt und die Atmosphäre drumrum. Aber für die Musik ist die Halle besser: Es gibt mehr Aufmerksamkeit und Ruhe. Und ich kann auf das „Woodstock“ verzichten, wenn es der Musik dient. Nicht so toll fand ich den schmalen Streifen als Außengelände. Da kann man sicher noch was tun. Und es war unerträglich heiß. Aber sonst: Die Halle ist schön geworden.

Sie haben mit Ihrer Musik viele Menschen in der Stadt erreichen können..

Ja, das Feedback kam bei mir auch so an.

Haben Sie einen neuen Lieblingsort gefunden?

Mehrere. Zunächst das Improviser-Haus, weil es so nett liegt. Ich finde es wahnsinnig traurig, wenn es abgerissen wird. Ein Verlust für die Stadt. Ich hätte auch gerne mehr im Garten gebuddelt. Aber das schafft man einfach nicht. Keine Chance. Den Park fand ich auch schön. Im Mondrian habe ich gerne gesessen. Auf dem Markt war auch oft. Und das Lokal Harmonie in Ruhrort ist so schön.

Werden Sie noch mal nach Moers kommen?

Bestimmt noch öfter. Ich hab sozusagen noch einen Koffer in Moers.