Moerser Flüchtlinge zieht es zum Bunten Tisch

Mal schnell raus zum Gruppenfoto
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Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Stadt will eine Koordinierungsstelle für Flüchtlinge einrichten. Amar Azzoug, Vorsitzender des Bunten Tisches in Scherpenberg, sieht diesen als den rechten Ort.

Moers..  In dem bunten Bau an der Kornstraße geht es zu wie in einem Taubenschlag. Etliche junge Männer kommen vorbei, informieren sich, helfen kurz oder bleiben einfach auf einen Tee. Über 20 Nationalitäten werden hier betreut. Der Bunte Tisch ist zurück bei seinen Wurzeln. Vor über 20 Jahren als Reaktion auf die Flüchtlingswelle gegründet, hatte der Verein mit den 80 ehrenamtlichen Mitgliedern sich zuletzt auf Integrations- und Bildungsarbeit konzentriert. Seit Sommer steht die Flüchtlingshilfe wieder im Fokus. So sehr, dass Teilzeitkräfte wie Hayat Ketfi sich freiwillig 60 Stunden pro Woche engagieren. Bunter Tisch-Chef Amar Azzoug sagt: „Hier laufen jetzt schon alle Fäden für Moerser Flüchtlinge zusammen, deshalb macht es Sinn, wenn wir offiziell das Mandat zur Koordinierung bekommen.“

Längst ist klar: Es gibt eine Menge Potenzial in der Stadt, viele Ideen, die Hilfsbereitschaft ist enorm. Nur muss sie koordiniert werden, um effektiv zum Einsatz zu kommen. Die Hilfe muss aktiv zu den Flüchtlingen gebracht werden. Dafür will die Stadt eine halbe Stelle einrichten, eine Koordinierungsstelle unter dem Dach des Sozialamts. Nächste Woche berät der Verwaltungsvorstand darüber. Mit dem Bunten Tisch bietet sich nun eine Organisation an, die all das jetzt schon leistet, aber eben auch an ihre Kapazitätsgrenzen stößt. „Die Menschen gewöhnen sich schnell daran, dass da welche sind, die das schon machen.“ Menschen wie Azzoug, Ketfi oder die Libanesin Lulu Abou Hamdan, einst selbst als Flüchtlingskind nach Deutschland gekommen. Es gibt Konversationskurse mit bis zu 60 Teilnehmern. Dazu Alphabetisierung und Deutsch.

Für Azzoug wäre die logische Folge, dass die Koordinierung dort institutionalisiert wird, wo sie ohnehin schon läuft. „Wer etwas anzubieten hat, meldet sich hier. Wer Hilfe sucht, auch. Das führt uns an unsere Grenzen, wir haben schließlich noch die ureigensten Vereinsaufgaben zu erledigen, Projekte, Gruppen- und Jugendarbeit.“

Amar Azzoug, der mehrsprachige Algerier, will nicht nur die Stelle, er hat ein Konzept. Angebote gibt es reichlich, etwa Sprachunterricht von pensionierten Lehrern, ein Handwerker aus Kapellen bietet Beschäftigung. Und vieles mehr. Azzoug will das alles fixieren, bevor die Hilfewelle wieder abebbt. Aber das soll nur ein Baustein sein. „Wir müssen darüber hinaus Menschen als Lotsen qualifizieren, um in Moers mehr kompetente Ansprechpartner für Flüchtlinge zu haben. Die Gesetzeslage zum Beispiel ändert sich ständig. Außerdem brauchen wir Info-Veranstaltungen für die Betroffenen. Die wissen doch gar nicht, was sie hier können, dürfen, welche Möglichkeiten sie überhaupt haben. Und natürlich müssen wir Sensibilisierungsarbeit leisten. Moerser und Flüchtlinge zusammenführen.“

Im großen Versammlungsraum sitzt derweil Ese Agbogun. Der 38-jährige Nigerianer gibt PC-Kurse für andere Flüchtlinge, heute kehrt er in sein Heimatland zurück. Auf Anraten von Azzoug: „Der Mann hat aus freien Stücken sein Glück in Europa gesucht, hat zwei Master-Diplome, ist hoch qualifiziert. Laut Statistik erhalten nur zwei Prozent der Nigerianer hier ihre Anerkennung. Da hat er Zuhause bessere Chancen.“ Rückkehrer-Beratung wäre ein weiterer Baustein.