Moers: Geburtstagstorte und -worte fürs Schlosstheater

Der Kuchen wird angeschnitten ...
Der Kuchen wird angeschnitten ...
Foto: Christoph Karl Banski
Was wir bereits wissen
Wegbegleiter des STM blickten zurück: Auf das seltsame Verhältnis der kleinen Bühne zu Wasser, auf wütende Intendanten und berührende Momente ...

Moers..  Es war tatsächlich so etwas wie ein Nachmittag der ungeschriebenen Bücher, als am Samstag das Schlosstheater unter dem Titel „Freunde, ich bin gerührt“ Menschen eingeladen hatte, Erinnerungen und Anekdoten aus 40 Jahren mit der kleinen Bühne vorzutragen. Und alle, alle kamen. Vortragende, und zahlreiche Zuhörer. Das Studio platzte zeitweise aus allen Nähten. Und obwohl es in der Einladung geheißen hatte, Kommen und Gehen sei jederzeit erlaubt – das Publikum bewies erstaunliches Sitzfleisch über immerhin vier Stunden. Es war aber auch eine kurzweilige und lustige, zuweilen fast intime Veranstaltung.

Und manchmal ging sie richtig zu Herzen, wenn Menschen berichteten, wieviel ihnen das Theater bedeutet. Wie Sabine Jüngling, die als Betroffene beim Projekt „Under Cover“ zum Thema Depressionen mitgemacht hatte: „Wir haben während der Proben viel geweint und viel gelacht, unsere dunkelsten Momente miteinander geteilt, aber auch die schönsten bei einer unbeschwerten Schnipselschlacht.“ Das Theater hat ihr Leben verändert.

Die zahlreichen Menschen, die über ihr persönliches Verhältnis zum Schlosstheater erzählen wollten, hatten so viel zu sagen, dass Nicole Nikutowski und Holger Runge, die den Nachmittag moderierten, spontan auf die eingeplanten Auszüge aus Bühnentexten verzichteten, sonst säßen die Leute wohl heute noch im Studio.

Martin Flasbarth etwa, Schreiner am Schlosstheater seit 1984, musste man nur anstubsen, da sprudelte es aus ihm heraus. Wie das Abenteuer funktionierte, für die Orestie das Theater Vorstellung für Vorstellung mit 33000 Litern Wasser zu fluten, warum Intendant Holk Freytag während der hundertsten Vorstellung auf einmal laut „Scheiße“ brüllte. Und warum unter Holk Freytag sich niemand wunderte, wenn der für den Hamlet eine echte Asphaltstraße auf der Bühne haben wollte.

Auch Gudrun Traub, die mit ihren vielen Dienstjahren beim STM quasi zum Inventar gehört, hat einen reichen Fundus an Anekdoten: von „Frollein Lehrerin,“, die samt Oberstufenschülerinnen mitten in der Vorstellung ob nackter Tatsachen empört das Haus verließ, Rupert Seidls ständigem Hunger und der doch autoritären Angewohntheit Freytags, seine Schauspieler schon mal über Tage zum Proben im Schloss einzusperren.

Natürlich kam auch „Frank & Stein“ zu Sprache, jenes legendäre Stück, mit dem Intendant Rupert Seidl sozusagen verschmolz, und das auf 247 ausverkaufte Vorstellungen kam.

Kai Pannen, der damals das Bühnenbild für das Kultstück entworfen hatte, berichtete heiter von der für Kompagnon Ulli Thul ausgesprochen schmerzhaften Entstehung des „Herrn Wesendonk“ mit Gips aus dem Baumarkt, der nunmal billiger ist als medizinischer Gips: „Wir haben das Waxing erfunden.“

Viel zu lachen gab es auch mit den Damen vom Bilanztheater, die seinerzeit überrascht waren, dass Ulrich Greb ein Projekt für und mit Senioren machen wollte: „Hurra, die Alten sind von der Straße!“, hieß es da. Und sie sind am Boden. Denn Helga Henkel und Lilo Schmidt erzählten, wie sie in einer absurden Szene vor Lachen zusammenbrachen und von dort weiterspielten.

Auch Willi Brunswick, ehemaliger Bürgermeister der Stadt Moers und als Politiker von Anfang an bei der Gründung des Theaters eingebunden, geriet ins Plaudern. Und erstmals nahm hier ein SPD-Politiker das böse CDU-Wort der „Kultur-Mafia“, das seit Jahren durch die Stadt geistert, sehr gelassen: „Das war manchmal schon hart am Rande, was wir taten“, gab er zu.

Und wer bis zum Schluss ausgehalten hatte, der wurde mit einem echten Kracher belohnt: Einem schrägen Video, das endlich ehrlich die Meinung der Schauspieler über das moderne Regietheater zeigte.