Moers Festival – Ein Pfingstwunder für die Fangemeinde

Colin Stetson (Mitte) war klanggewaltig, bewegend, grandios.
Colin Stetson (Mitte) war klanggewaltig, bewegend, grandios.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Das „44. Moers Festival“ sorgte für Glücksgefühle. Es gab eine grandiose Auswahl Großformationen nicht immer zu entdecken, aber mit Freude zu genießen.

Moers.. Kinder, wie die Zeit vergeht! Denn still und leise gab es beim Moers Festival ein kleines Jubiläum zu begehen. Prägt doch seit zehn Jahren Reiner Michalke mit großer Offenheit und feinem Gespür fürs Machbare, aber auch Besondere das legendenbehaftete Großereignis am Niederrhein. Und hat im Laufe seiner Ägide so manches Pfingstwunder gewirkt. Deren größtes ist die eigene, atmosphärisch grandiose Festivalhalle, deren Umfeld im zweiten Jahr nun deutlich großzügiger und publikumsfreundlicher gestaltet ist. Nur in Sachen subtiler Akustik-Optimierung hatte Michalke wohl einen Buchstaben verwechselt. Denn die Verbässerung machte einem im Laufe der spannungsvollen vier Tage mehr als einmal bis in die hinteren Reihen das Hemd am Flattern.

Moers Festival Zum Programm: Die als Entdeckung annoncierte Gospel-Truppe „The Jones Family Singers“ wirkte Freitagnacht eher wie ein Rückfall in die schwächeren, weltmusikverliebten Jahre von Burkhard Hennen. Jeezaz, was glänzte da Gold auf den Hüften! In den Kehlen dagegen jede Menge Rost, gepaart mit den geballten Klischees amerikanischer Erweckungs-Frömmelei. Der gemeine Fan wandte sich mit Grausen, um einen Abend später doch noch sein Pfingstwunder zu erleben: richtig swingenden Jazz in Moers! Tadellos serviert von „The Baylor Project“ mit Standards wie „Afro Blue“ und einem stimmgewaltigen „Hallelujah“ der Vokalistin Jean Baylor, die so im Duet mit Pianist Eric Reed die Ehre der Gospel-Branche hin- und mitreißend rettete.

Begeisternd: Das wunderbar exakt agierende „Lucerne Jazz Orchestra“ mit Hayden Chisholm, „Improviser in Residence 2015“. Der begann das Festival mit einem großen A…h und führte die Schweizer mit seinem singenden Altsaxophon bald in delikate Klangwelten voller subtiler Reibungen. Eine kammermusikalische Meisterleistung von betörender Intensität.

Der 72-jährige Trompeter Michael Mantler beglückte alte und junge Hörer dagegen mit der Neuauflage eines sagenumwobenen Jugendwerks als „The Jazz Composer’s Orchestra Update“. Prachtvoll exekutiert von der um Solisten wie Wolfgang Puschnik, Harry Sokal und David Helbock sowie das „radio.string.quartet.vienna“ erweiterten „Nouvelle Cuisine Big Band“ aus Wien, erlebte man eine faszinierend frische Zeitreise in die Urgründe des orchestralen FreeJazz – wohl für alle der Höhepunkt des Jahres.

Der meistbeschäftigte Musiker

Was jedoch dank des Saxophonisten Colin Stetson äußerst diskutabel ist. Brachte der als „Artist in Residence“ meistbeschäftigte Musiker des Festivals doch mit „Sorrow, a reimagining of Gorecki’s 3rd Symphony“ eine aberwitzig instrumentierte Deutung der berühmten Komposition auf die Bühne. Klanggewaltig, bewegend, grandios.

Gegen das große Vergnügen hatte Reiner Michalke als Show-Stopper passgenau kleinere Combos gestellt. Da funkelte etwa Elektro-Gefrickel („sPacemoNkey“) neben Dekontruktivem von Trompeter Peter Evans („Pulverize the Sound“). Und im Mittelformat erzählte die französische Pianistin Eve Risser mit ihrem zehnköpfigen „White Desert Orchestra“ farbenreich illustrierte Geschichten von wundersam verträumter Schönheit, die im Gedächtnis bleiben werden.