Mit dabei auf dem Prinzenwagen im Nelkensamstagszug
15.02.2010 | 09:09 Uhr 2010-02-15T09:09:00+0100
Heidi Klum hat es getan. Und Seal. Und sogar Flavio Briatore. Es gibt also keinen Grund, warum ich es nicht tun sollte: Ich fahre beim Nelkensamstagszug mit. Auf dem Prinzenwagen. Helau!
Das Problem ist nur, dass der letzte Umzug, den ich in Erinnerung habe, vor gut 25 Jahren gerollt ist. Und überhaupt: Was zieht frau da an?
Schließlich ist es so weit. Skeptisch nähere ich mich am Nelkensamstag um zwölf Uhr dem Aufstellplatz. Es ist frostig. Drei Grad minus. In meinem kuschelig warmen Kuh-Kostüm trotze ich der Kälte und bedaure die Mädels, die heute eher auf eine Sexy-Hexy-Outfit gesetzt haben. Einen Blick in den Spiegel habe ich lieber nicht riskiert. Auch als Kuh kann man sich zum Affen machen.
Super-Stimmung
Die Wagen sind bereits beladen, die Stimmung ist super. Noch eine Stunde bis zum Start. „Komm, wir gehen Suppe essen”, ruft Prinz Jörn I. mir zu. „Suppe”, denke ich, „wo will der jetzt Suppe her nehmen?” Also laufe ich einfach mal Prinz Jörn, seiner Prinzessin Simone und deren Gefolgschaft hinterher. Vorbei geht es an Wagen und Fußgruppen des Zuges. Mitten im Getümmel biegen wir von der Straße ab und landen im Haus von Hannelore Schulz.
Menschenmassen in Wohnzimmer und Küche. Suppe löffelnde Karnevalisten, wohin das Auge blickt. „Am Nelkensamstag haben wir hier traditionell ein Haus der offenen Tür”, erklärt mir die Gastgeberin. Schon seit 20 Jahren verköstigt sie die Zugteilnehmer vor dem Start. Angefangen hatte alles damit, dass Zugteilnehmer immer wieder bei ihr klingelten und fragten, ob sie die Toilette benutzen dürften. „Dann habe ich denen auch immer Kaffee angeboten, und mit den Jahren ist daraus das traditionelle Suppenessen geworden”, berichtet sie nicht ohne Stolz.
13 Uhr 11. Jetzt geht's los! Pünktlich setzt sich der närrische Lindwurm in Bewegung. Alle Teilnehmer müssen am Prinzenwagen vorbei und sich den Regenten präsentieren. Denn die wählen zum Schluss den schönsten Wagen und die beste Fußgruppe. Und das ist sicher keine leichte Aufgabe bei all den bunten Gefährten und den fantasievoll gestalteten Kostümen. Als alle an uns vorbei sind, schließen auch wir uns dem Tross an. Drei Stunden auf diesem wackeligen Anhänger liegen vor mir. Hoffentlich wird die Kuh nicht seekrank.
„Helaaaaaau”, brüllt es mir aus zahlreichen Kehlen entgegen. Zunächst nur zaghaft beobachte ich das närrische Treiben. Prinzenpaar, Hofdamen, Paginnen und Minister sind in ihrem Element. Bonbons, Strüßje und anderes Wurfmaterial fliegen in hohem Bogen in die Menge. Plötzlich drückt mir Minister Hacky einen riesigen Beutel Bonbons in die Hand. „Festhalten”, denke ich. „Werfen”, fordert der Minister mich auf.
Kamelle für die Kinder
Schüchtern werfe ich einer Gruppe Kinder meine ersten Kamelle zu. Hastig bücken sich die kleinen Piraten, Prinzessinnen und Clowns, damit ihnen auch ja kein Anderer beim Aufsammeln zuvor kommt. Weiter hinten stehen Eltern mit den Kleinsten auf dem Arm. Ich versuche, auch denen etwas zuzuwerfen. Schließlich sollen ja alle etwas bekommen.
In Scherpenberg feiern die Größeren. Bierstände, Karnevalsmusik und gute Laune. „Muuuh” und „Heelaaau” schallt es mir entgegen. „Helau”, höre ich auch mich plötzlich rufen. Was war denn das? Der Knoten ist geplatzt. Ich bin im Karneval angekommen!
Als wir einen Kinderwagen in der Menge sehen, gerät das Kamellewerfen zu einem Zielwettbewerb zwischen Minister Hacky und mir. Treffer, hurra! Auch die haben etwas abbekommen!
Doch an manchen Stellen wird es auch unschön. Während auf dem Boden noch massig Bonbons herumliegen, die offenbar niemand aufsammeln will, laufen neben dem Wagen Teenager her, die Ihre offenen Tüten hochhalten und fordernd rufen „Ey, ich hab noch nichts”. Verständlich, dass die Zugteilnehmer das nicht so toll finden.
Genug Material an Bord
Beim China-Restaurant in Scherpenberg halte ich Ausschau nach meinem Schulfreund Ralf, der jedes Jahr mit seinen Kindern dort steht. Aber da ist nichts zu machen. Als wir zum Bahnhof kommen, wird mir dann doch etwas mulmig. Prinz Jörn hatte mich vorab gewarnt: Ab hier soll es Menschen geben, die zum Zug kommen, um Bonbons zurückzufeuern. Ich mache mich auf das Schlimmste gefasst.
Doch alles geht gut, und dann wird es richtig voll. Zum Glück ist noch genug Material an Bord. Auf beiden Seiten der Homberger Straße drängen sich die Jecken. Die Wagenbesatzung schaufelt beidhändig im Akkord Bonbons und andere Gaben über die Reling.
Am Königlichen Hof steppt der Bär. Rosa Schweinchen, spitzbehütete Hexen und blutgetränkte Vampire in Feierlaune. Endspurt und Zielgerade zum Alten Rathaus. Im Wagen türmen sich leere Kartons und Tüten. Erschöpft, aber glücklich steige ich aus dem Prinzenwagen.
Helau! Und mit Sicherheit bis zum nächsten Jahr!
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