Massenkündigung - Rund 150 Mieter verlieren ihre Wohnung

Eines der vielen Häuser, in denen den Mietern zu Ende März gekündigt wurde.
Eines der vielen Häuser, in denen den Mietern zu Ende März gekündigt wurde.
Foto: Gisela Weißkopf
Was wir bereits wissen
Rund 150 Parteien sollen Ende März ihre Wohnungen am Neukirchen-Vluyner Nordring räumen. Grund: Der neue Eigentümer will Billigwohnungen sanieren.

Neukirchen-Vlyun.. Ein Hammer: Massenkündigung für die Mieter der Nau-Bauten am Neukirchen-Vluyner Nordring. Die Verwaltungsgesellschaft Lindenthal-Gartenstadt setzt den Bewohnern der versteigerten Riesen eine Frist bis Ende März und bietet die Umsiedlung zum Kiefernweg an. Begründung: umfangreiche Sanierungsarbeiten stünden an.

Betroffen sind die Mieter in der Leibnizstraße 8/10, Humboldtstraße 2, 4, 6, 8, 10, 14, 16, 18 sowie Vluyner Nordring 51 – 59. Das sind nach erster Schätzung 150 Mieteinheiten, darunter Familien mit Kindern.

Bürgermeister ist überrascht

Bürgermeister Harald Lenßen, der die Versteigerung für satte 8,2 Millionen Euro an Hauptgläubiger Olbrich vor wenigen Wochen noch als „wichtigen Tag für Neukirchen-Vluyn“ bezeichnet hatte, ist – von der Redaktion konfrontiert mit dieser Info – ernüchtert und erstaunt: „Dazu gab es keine Absprache, das überrascht mich jetzt sehr.“

Datenschutz Dabei müsse die Verwaltung von den Plänen gewusst haben, argwöhnt "NV-Auf geht’s"-Chef Klaus Wallenstein: „Bereits im Zuge der Diskussionen um Flüchtlingsunterkünfte kurz vor Heiligabend hatte die Stadt darauf aufmerksam gemacht, dass die Verträge für die Wohnungen am Nordring nicht über Februar hinaus verlängert werden.“ Das sagt Lenßen selbst auch. Aber: „Da ging es ausschließlich um Unterkünfte für die Flüchtlinge. Dass ein neuer Besitzer Pläne mit den Gebäuden hat, ist doch wohl klar. Wie die allerdings aussehen, sollte noch im Detail besprochen werden.“ Das will Lenßen am Montag forcieren und sich ein Bild von den Auswirkungen der Kündigungen machen.

Rigoroses Vorgehen

Wallenstein sorgt sich sehr um die Menschen in den Hochhäusern. „Es gibt nicht genug geeigneten Wohnraum in diesem Segment in Neukirchen-Vluyn. Viele Betroffene leben von Hartz IV. Man kann nicht einfach sagen: Dann zieht halt zum Kiefernweg.“ Immerhin, so Wallenstein, spreche das rigorose Vorgehen des neuen Eigners dafür, dass „nicht abgerissen, sondern tatsächlich saniert wird“. Die Mieten würden dann wohl teurer. „Sicher will man einfach eine andere Klientel.“

Brandschutzmängel

Von der federführenden Verwaltungsgesellschaft aus Leipzig, für die ein Dipl.-Ing. Walter Stein die Kündigungen unterschrieben hat, war übers Wochenende keine Stellungnahme zu bekommen. In dem Schreiben an die Mieter, das der Redaktion vorliegt, heißt es, dass „der Ersteher“ der Bauten die Mietverträge fristgerecht kündigen darf, wenn ein berechtigtes Interesse an der Beendigung des Mietverhältnisses bestehe. Zu erwartende wirtschaftliche Nachteile seien ein solches Interesse.

Es müssten unter anderem Brandschutzmängel und Schadstoffe beseitigt werden. Aber: „Der neue Eigentümer hat auch gleichzeitig in Neukirchen-Vluyn im Kiefernweg, Ulmenweg und Terniepenweg umfangreiches Wohneigentum ersteigert.“ Das werde jetzt renoviert und stehe zur Vermietung bereit.

Wohnen Die Nordring-Mieter sollten ihr Interesse gern bekunden. Nicht offenbar, um – wie einst die Bewohner der Kolonie – für die Zeit der Renovierung auszuweichen, sondern um komplett umzuziehen. Auch da will Lenßen am Montag nachhaken.

In den betreffenden Häusern befindet sich auch der Treff 55, das wichtige soziale Quartiersangebot der Diakonie. Dort war seit Jahr und Tag eine Anlaufstelle für hilfebedürftige Erwachsene, Kinder der Familien am Vluyner Nordring erhalten ein Mittagessen und pädagogische Hilfe.

Wichtige Anlaufstelle

Diakonie-Geschäftsführer Rainer Tyrakowski-Freese ist ebenfalls überrascht. „Ich weiß nicht genau, ob wir das auch schon in der Post hatten über Weihnachten. Eigentlich gehe ich aber davon aus, dass sich bei Großvermietern herumgesprochen hat, wie wichtig so eine Anlaufstelle in einem solchen Quartier ist.“ Den mit der Stadt abgestimmten Auftrag wolle man auf jeden Fall weiterführen. Allein in der sozialen Beratung werden jährlich 100 Familien aufgefangen, inklusive Drogenhilfe und Schuldnerberatung.