Letzte Reise in die Gaskammer

Im Rahmen der Penguin’s Days wurde im Schlosstheater ein Gastspiel gegeben: „Ännes letzte Reise“.
Im Rahmen der Penguin’s Days wurde im Schlosstheater ein Gastspiel gegeben: „Ännes letzte Reise“.
Foto: WAZ FotoPool

Moers. Denen eine Stimme geben, die nicht mehr sprechen können, zum Nachdenken anregen und die Geschichte aufarbeiten. All das schaffte das beeindruckende Theaterstück „Ännes letzte Reise“ – in Worte gefasst von Sjef van der Linden und Rinus Knobel vom Theater mini-art aus Bedburg-Hau – in einem Gastspiel im Schlosstheater Moers.

Zu Beginn der Aufführung des Theaterstücks „Ännes letzte Reise“ ist es still im Moerser Schlosstheater. Die Schauspieler Grischa Ohler und Sjef van der Linden betreten die Bühne, es beginnt die Zeitreise in die biografisch dokumentierte Lebensgeschichte der Anna Lehnkehring. Das Bühnenbild: weißer Tisch, weiße Stühle, weißer Boden, weiße Wände. Beide Schauspieler tragen weiß: die Farbe der Unschuld.

Ein grotesker Widerspruch

Ein gewollt grotesker Widerspruch zum Inhalt des Stücks: Anna, genannt Änne, wird im 1915 in Oberhausen geboren und wächst dort unter normalen Bedingungen auf. 1935 wird Anna als „erbkranker“ Mensch in Mühlheim zwangssterilisiert. Ihre Mutter plagt das schlechte Gewissen verbunden mit Scham und dem Druck der Gesellschaft. 1936 erfolgt die Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau, 1940 wird sie nach Grafeneck gebracht und in einem Konzentrationslager getötet.

Schauspielerisch werden prägende Lebenssituationen der Hauptfigur sowie Täter- und Opferrollen aller Gesellschaftsschichten beleuchtet. So schlüpfen beide Schauspieler immer wieder in verschiedene Rollen, Sjef van der Linden spielt mal die Hauptfigur Änne, die eine Schule für Lernbehinderte besucht und mal Ännes Bruder, der für die Schule ideologisch geprägte Hausaufgaben erledigen muss. Aufgabenstellung: Wie viel Geld gibt das Land für Juden und Behinderte aus?

Aus den Lautsprechern tönen die Reden Hitlers, auf der Leinwand sieht man ein schwarz-weiß Foto der 16-jährigen Änne. Als die Einlieferung in die Anstalt erfolgt, hält Schauspielerin Crischa Ohler eine Puppe in der Hand – Änne erkennt, dass sie als erbkranker Mensch im nationalsozialistischen System niemals ein eigenes Kind haben wird.

Aus der Sicht der Pfleger wird der Abtransport beschrieben, die Uneinsichtigkeit durch die Rolle des Dr. Karl Brandt. Die glücklich lächelnden Gesichter der Vergasten werden für den Zuschauer provokant gelobt und gefragt, warum er als praktizierender Handlanger Hitlers gehängt wurde. Sekunden später ertönt der letzte Tagebuchauszug der Änne. Der Vorgang der Vergasung wird beschrieben. Am Ende sehen die Theaterbesucher ein rotes X auf der Leinwand: Das X markierte, wer sterben musste. Darunter auch Anna Lehnkering.

Mehr als nur eine Biografie

In in einer Fragerunde wurde mit dem STM-Theaterpädagogen Holger Runge sowie Bernhard Schmidt von der NS-Dokumentationsstelle in Moers und beiden Schauspielern über Eindrücke gesprochen. Das Theaterstück sei mehr als eine Biografie, stellen die beiden Darsteller heraus. Mobbing und Abtreibung seien Themen mit denen man heute umgehen müsse.