Kuchen lockte Soldaten in die Küche

Alt Bürgermeister Willi Brunswick mit einem Portrait aus seiner Kindheit.
Alt Bürgermeister Willi Brunswick mit einem Portrait aus seiner Kindheit.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
In unserer Serie „Kriegsende am Niederrhein“ erzählt der Moerser Altbürgermeister Willi Brundwick aus seiner Kindheit in Neukirchen-Vluyn

Moers/Neukirchen-Vluyn.. Wilhelm Brunswick (76) erinnert sich noch gut: „Am 2. März 1945 flohen die deutschen Soldaten aus Neukirchen-Vluyn und ließen in der Hektik einen LKW voller Proviant zurück. Nach einer halben Stunde war nichts mehr von der Ladung übrig.“ Da lebte sein Vater schon nicht mehr. Er war als Soldat mit einer Transportmaschine abgestürzt. „Man muss sich mal vorstellen, dass ich da als Vierjähriger stolz im Kindergarten verkündete, mein Vater sei für Führer und Vaterland gefallen. So waren wir von der Propaganda infiltriert.“ Fünf Kinder hatte die Mutter durchzubringen.

„An einem Samstagmorgen im März spielte ich draußen. Da hörte ich ein fernes Grummeln, das immer lauter wurde.“ Als der Junge über das Feld schaute, sah er orange-rote Panzer über die B 60 rollen. „Das war ein seltsamer Anblick. Später erfuhr ich, die Amis hätten auf diese Weise ihren eigenen Jagdfliegern signalisiert, wer sie sind.“

Nach Tagen der Ruhe wurden alle Häuser durchsucht. „Mutter hatte Opas Schleppsäbel von der Feuerwehr versteckt, aber ein Nachbar hatte sie angezeigt. Gottlob ging die Sache noch mal gut aus“, schildert Brunswick. Alle zwei, drei Tage gab es Hausdurchsuchungen, auch bei Brunswicks an der Siebertstraße. „Am 15. April hatte ich Geburtstag. Und Mutter hatte einen Kuchen gebacken. Da kamen mittags zwei GIs, durchsuchten erneut das ganze Haus und kamen dann in die Küche.“ Denn beide Soldaten wussten genau, was sie wollten: Sie verlangten den Kuchen. „Sie aßen ihn in nullkommanix auf und verschwanden dann. Meine Schwester hielt mir den Mund zu, weil ich protestieren wollte.“

Doch: Eine halbe Stunde später kamen die beiden Amis zurück. „Einer mit einem Karton voller Backzutaten, der andere mit lauter Leckereien für uns, von Apfelsinen bis Schokolade.“ Mutter Brunswick begriff sofort, was sie sollte: Kuchen backen. „Von da an kamen die beiden jeden Nachmittag zum Kaffee zu uns, den sie übrigens auch mitbrachten.“ Die Soldaten hatten wohl schon lange keinen so guten Kuchen mehr gegessen. Und jedes Mal bekam die Familie ein Paket. Doch: „Als die Engländer am 8. Mai kamen, war der Spaß vorbei. Die hatten selber nichts.“

Von der Siebertstraße zog die Familie um zur Leyenburg in Vluyn. Ein großes Drahtseil mit Decken darüber trennte den Raum in zwei Hälften. „Es war Sommer, und wir Kinder fanden es schön draußen im Grünen.“ Leider fanden die Kleinen beim Spiel auch gefährliches Spielzeug, denn die ganze Gegend war voller Munition von einem ehemaligen Depot in der Nähe.

„Wir haben das Pulver von den Gewehrpatronen gesammelt, in Dosen getan und eingegraben, dann mit Lunten angezündet. Das war wie eine richtige Sprengung und wir hatten großen Spaß.“ Ein Spielkamerad verlor dabei leider einen Fuß.

Im Winter ging es auf ein Gehöft nach Niep. Zu einem recht wohlhabenden Bauern. „Wir durften uns nicht unterstehen, auch nur eine einzige Pflaume vom Baum zu pflücken.“ Die Mutter konnte zusehen, wie sie ihre Kinderschar ernährte. Damals habe er festgestellt, dass es zweierlei Menschen gibt: „Als mein Bruder krank wurde, brachten die Armen uns Speck, manchmal Fleisch. In der Nähe lag ein kleiner Kotten, und der Bauer dort hat sich viel mit mir beschäftigt. Ich durfte bei allem helfen und hab viel gelernt. Und auch zu essen hab ich dort immer bekommen.“

„Mutter hatte 150 Mark Rente, sie hat ordentlich gerackert, um uns durchzubringen.“ Es war Notzeit, aber für die Kinder war es auch eine schöne Zeit: Im Winter schmückten Eisblumen die Fenster, dann ging’s zum Schlittschuhlaufen auf die Kull. Im Sommer fingen die Kinder mit einer krummen Nähnadel Fische.

Zu dieser Zeit wollte keiner mehr Nazi sein: „Bis heute erzählt man sich, dass der Leiter des Stursberg-Gymnasiums im Krieg in brauner Uniform zum Unterricht erschienen ist. Anschließend wollte er von meiner Mutter eine Unterschrift für die Besatzer, dass er immer anständig gewesen sei.“ Das Wort vom Persilschein machte die Runde.

Geärgert über Konrad Adenauer

1960 zog es Wilhelm Brunswick nach Moers, 1964 wurde er Chemieingenieur bei den Bayer-Werken. „Meine Mutter hatte seit 1949 die NRZ abonniert“, weiß er. Was ihn wohl auch geprägt habe. 1965 trat Willi Brunswick in die SPD ein. „Ich hatte mich bei einer Kundgebung derartig über das Benehmen Konrad Adenauers geärgert, dass ich schnurstraks ins SPD-Büro gegangen bin.“ Es dauerte drei Monate, bis Jürgen Schmude ihn zu den Jungsozialisten holte. 1972 wurde Willi Brunswick stellvertretender Bürgermeister unter Albin Neuse, von 1978 bis September 1999 war er erster Bürgermeister von Moers.