Koks und Nutten? Quatsch. Proben, natürlich!

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Was wir bereits wissen
Von A bis Z ausgefragt: Matthias Heße erzählt, was Schauspieler tagsüber so machen, wie es sich anfühlt, von Kindern an der Wursttheke wiedererkannt zu werden und warum der Job in einem festen Ensemble wie ein Sechser im Lotto ist

Moers..  Schauspieler sein – und dann auch noch am kleinsten Stadtheater Deutschlands. Lust oder Last oder gar beides? Wir haben STM-Schauspieler Matthias Heße von A bis Z ausgefragt und ihm dafür folgende Stichworte geliefert:

A wie Altern ... Da ich mit vierzig noch nicht den Romeo gespielt habe, kann ich mir relativ sicher sein, dass mich auch keiner mehr für diese Rolle anfragt. Dafür wartet in weiteren vierzig Jahren der König Lear auf mich, ich freu mich schon.

B wie Beifall und Buhrufe ... Bei einer Premiere von Faust in Dortmund sind wir in einem gigantischen Buh-Orkan versunken. Wir haben versucht, es sportlich zu nehmen. Immerhin sorgen solche Reaktionen für interessanteren Gesprächsstoff als ein müder Höflichkeitsapplaus.

C wie Casting .... könnte auch unter H wie Haifischbecken stehen.

D wie Dialog ... gibt es in den letzten Jahren immer mehr. Der autoritäre 70er-Jahre-Regie-Berserker scheint eine aussterbende Gattung zu sein, eine demokratische Arbeitsweise erobert selbst das Theater. In 90% der Fälle finde ich das gut.

E wie erkannt werden ... Wenn mich an der Wursttheke im Supermarkt Kinder mit dem Gerda-Song aus der „Schneekönigin“ begrüßen, ist der Tag für mich gerettet.

F wie Film und Fernsehen ... Die bezahlen gut. Darüber hinaus sind die mir egal.

G wie Gehalt ... Die tarifliche Mindestgage für Berufsanfänger liegt bundesweit bei brutto 1650 Euro, alles weitere ist Verhandlungssache. Wer Spaß daran hat, seinen Dispo auszureizen, ist am Theater sicher gut aufgehoben.

H wie Heße ... Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets. Wenn mich das Heimweh plagt, hilft ein Spaziergang durch Meerbeck, da sieht’s aus wie zu Hause in Bochum-Wattenscheid.

I wie Intendanten ... Aus der Nähe sind die meisten eigentlich ganz verträglich. Allerdings hat mir noch keiner aus der Hand gefressen.

J wie Jobsuche ... Arbeitslose Schauspieler gibt’s wie Sand am Meer, auch richtig gute. Daher ist ein fester Job in einem Ensemble so was wie ein Sechser im Lotto.

K wie Katastrophen ... Bühnenunfälle sind immer ein Schock, für uns und für das Publikum. Traversen umgefallen, Bühnenboden eingebrochen, Scheinwerfer abgestürzt - alles schon erlebt, zum Glück noch nicht in Moers. Hier haben wir nur ständig blaue Flecken.

L wie Lieblingsrolle ... Estragon in „Warten auf Godot“ - das Vergnügen hatte ich bereits. Benedict in „Viel Lärm um Nichts“, der könnte gerne noch kommen.

M wie Moers ... Als Besucher schien mir Moers immer ein Paradies zu sein, eine kleine geile Stadt voller Kunst und Freaks. Als Neubürger gab es dann zum Einstand erstmal eine Schließungsdebatte und die bittere Erkenntnis, dass hier nicht 365 Tage im Jahr Festivalstimmung ist. Aber bis jetzt haben noch immer die Guten gewonnen, und davon gibt es viele!

N wie nackt auf der Bühne ... Als Zuschauer freue ich mich immer, wenn jemand blank zieht, ich finde Nackte auf der Bühne toll. Ich selbst war allerdings mit Mitte 20 deutlich zeigefreudiger als heute.

O wie O-Töne ... „Matthias, du kannst die Szene gerne so spielen. Dann haben die Leute auch mal Gelegenheit, das Programmheft zu lesen.“ Uwe Hergenröder, Regisseur, Gott hab ihn selig.

P wie Pausenfüller ... Pinkeln, Rauchen, Lästern.

Q wie Quatsch ist ... die blödeste Frage, die immer wieder gestellt wird: „Was machen Sie eigentlich tagsüber?“ Was wollen die Leute hören? Koks und Nutten? Proben natürlich.

R wie Regie führen ... muss ich ab und zu auch mal machen, sonst würde ich platzen. Mit Kreativität muss man verschwenderisch umgehen, sonst versiegen die Quellen.

S wie Shakespeare ... war tatsächlich das Genie, für das er gehalten wird. Wenn Theaterleute die These vertreten, Shakespeare sei überbewertet, kann man ruhig weghören. Die wollen sich bloß wichtig machen.

T wie Text vergessen ... setzt Adrenalin frei und bringt sofort Pfeffer in jede müde Routinevorstellung.

U wie Unvergessen ... bleibt das Glücksgefühl, als ich die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule bestanden hatte. Ich habe mich wochenlang für unsterblich gehalten. Das Erwachen war dann allerdings unsanft.

V wie Vorbereitung ... Um stumpfes Büffeln kommt man nicht herum, der Text muss irgendwie in die Birne. Am liebsten lerne ich im Bettenkamper.

W wie Wunschkonzert ... Eine Hochschule für Moers, mit Studentenwohnheimen, Nachtleben und viel Subkultur am Schlosspark, statt gediegenes Wohnen für betuchte Lärmempfindliche.

X wie XXL ... Mein bisher größtes Publikum hatte ich bei den Regensburger Festspielen. Wenn du Komödie spielst, und 3000 Leute finden dich geil, dann ist der Größenwahn zum Greifen nah.

Y wie Yin und Yang ... Wenn einem auf der Probe nichts mehr einfällt - ein Geschlechtertausch hilft immer. Ist vielleicht auch im echten Leben mal einen Versuch wert.

Z wie Zukunft ... Spätestens zum 50-jährigen Jubiläum werden alle Moerser ihr Theater lieben, quer durch alle Schichten und Milieus, und eine anarchische Renaissance von Kunst und Geist wird von hier aus die Republik erneuern.

ZUR PERSON

Matthias Heße ist Jahrgang 1974, wuchs in Bochum auf und arbeitete dort erstmals am Kulturhaus Thealozzi als Schauspieler. Engagements am Theater Kohlenpott Herne und am Hackeschen Hoftheater Berlin folgten, bevor er 1998 nach etlichen Umwegen an der Folkwang Hochschule Essen seine Theaterausbildung begann.

Nach Gastverträgen in Bielefeld und Wiesbaden ging er 2002 ins Festengagement bei Michael Gruner am Schauspiel Dortmund, wo er sieben Jahre blieb und unter anderem mit Hermann Schmidt-Rahmer, Sybille Fabian, Phillip Preuß und Thirza Bruncken zusammenarbeitete und als Regisseur eigene Projekte realisierte.

Seit 2009 ist er Mitglied des Schlosstheaterensembles und lebt mit seiner Familie in Moers. Am STM arbeitet er als Schauspieler, übernimmt aber immer wieder auch Regiearbeiten, wie demnächst in dem Stück „Fabelhafte Familie Baader“ (Premiere: 30. Mai). (Quelle: www.schlosstheater-moers.de)