Klartext stopft Löcher im Akkord
22.02.2012 | 18:31 Uhr 2012-02-22T18:31:00+0100
Moers. Antragsgruppe stellt sich tapfer dem immer größer werdenden Mangel. Bis zu 50 Anfragen pro Monat werden bearbeitet.
Mit dem Bekanntheitsgrad wachsen die Aufgaben. Wäre die Antragsgruppe des Vereins „Klartext für Kinder - Aktiv gegen Kinderarmut!“ nicht so gut organisiert und so leidenschaftlich, könnte die Arbeit schnell über den Kopf wachsen. Menschen, die in ihrer Freizeit den täglichen Spagat üben müssen, sind sowieso nicht zu beneiden. Aber die Teammitglieder sind Überzeugungstäter. Das muss man bei mittlerweile 50 Anträgen auf Hilfen aller Art pro Monat auch sein. Die Ehrenamtler um Maria Welling lernen täglich Demut. „Manche Lebenssituation, die uns geschildert wird, ist schwer zu verdauen“, sagt die Gastronomin.
Als sich der Verein vor fast vier Jahren auf Initiative der NRZ in Moers gründete, war nicht abzuschätzen, welche Kraft er entwickeln würde. Heute heißt sogar die prominente Schirmherrin so. Weit über 200 überwiegend aktive Mitglieder und doppelt so viele Kooperationspartner in Bildungs- und Jugendhilfeeinrichtungen, Wohlfahrtsverbänden, Ämtern, Kirchen oder Einzelhandel haben aus dem, was im Dezember 2007 als Weihnachtswunschbaum-Aktion begann, ein schlagkräftiges Hilfswerk für Moers, Kamp-Lintfort und Neukirchen-Vluyn gemacht.
„Klartext“ ist in aller Munde. Logisch, die Mitstreiter kommen aus allen Schichten und Berufen. Das System ist ehrlich, flexibel, transparent und unmittelbar: Ein Grund, warum es immer wieder Spenden von Menschen, Vereinen und Firmen gibt, die vor der eigenen Haustür etwas tun wollen. Ganze Stadtteile feiern zugunsten von Klartext. In dem Wissen, dass das Geld ein paar Türen weiter ein wenig Farbe in den tristen bis bedrohlichen Alltag von bedürftigen Knirpsen bringt.
Wertvolle Projekte
Für manch etabliertes, wertvolles Projekt ist Klartext der letzte Strohhalm. Zuletzt konnten „Wellcome“, die Familien-Hilfe kurz nach der Geburt eines Kindes, und „Muse“, die musikpädagogische Erziehung an der Annaschule gerettet werden. Und der bunte Bus, die erste rollende Kindertafel in Deutschland, ist als eigenes Projekt ein viel beachteter Leuchtturm. Eines hat sich aber nicht geändert: Hauptziel von Klartext bleibt die Einzelfallhilfe. In immer mehr mehr Familien mangelt es an fast allem: Schulranzen, Sportkleidung, Vereinsbeiträge. Geld für die Klassenfahrt, ein neues Regal fürs Kinderzimmer oder ein Fahrrad. Und darüber entscheidet bis zu einer bestimmten Fördersumme die Antragsgruppe.
Standards gibt es nicht, jede Situation ist anders. Außerdem ist Klartext keine unendlich gefüllte Wundertüte. „Wir müssen den Bedarf ermitteln, da greifen viele Rädchen ineinander“, erklärt der ehemalige NRZ-Redakteur Ulrich Ernenputsch, der sich nach seiner Pensionierung noch intensiver in die Vereinsarbeit hineinkniet. „Unser System ist wasserdicht, Missbrauch eigentlich ausgeschlossen.“
Patenhelfer dringend gesucht
Anträge dürfen nur die Klartext-Kooperationspartner stellen. Die erkennen Alltagslöcher, die gestopft werden müssen. Als Jugendhilfe in den Familien, als Betreuer in Jugendheimen, Schulen oder Kindergärten. Meist sind es geschulte Pädagogen, die die Anträge für bedürftige Kinder ausfüllen und dabei die Lebenssituation der Familie schildern. Zusätzlich wird gecheckt, ob es öffentliche Mittel für das Anliegen gibt. „Es kommt nicht selten vor, dass es noch etlicher Telefonate bedarf, eh wir entscheiden können. Wir verantworten schließlich Spendengelder“, erklärt Maria Welling. „Weil aber zum Beispiel ein kleines Mädchen nicht tagelang mit Sandalen durch den Schnee stapfen darf, muss alles schnell gehen.“ Das bedeutet schon mal Stress. Positiven, wenn am Ende eine Bewilligung steht. Dann setzt sich ein Patenhelfer des Vereins mit dem Antragsteller oder direkt mit der Familie in Verbindung und geht mit den Betroffenen einkaufen. Ernenputsch: „Das hat sowohl Kontroll- als auch Hilfsfunktion. Bargeld fließt ohnehin keines, der Verein bekommt vom Kaufhaus eine Rechnung.“ Eben solche Patenhelfer sucht Klartext aufgrund der stetig wachsenden Zahl der Anträge dringend.
Die Mitglieder der Antragsgruppe werden immer routinierter, aber Routine wird es nie. Welling: „Es ist ein schönes Gefühl, helfen zu können. Wenn Sie aber die Familie mit acht Kindern sehen, er arbeitet Vollzeit, sie geht putzen, und trotzdem müssen Kinder auf dem Boden schlafen, weil zwei Betten kaputtgegangen sind, dann nimmt einen das bei allem gebotenen Abstand ganz schön mit.“
Und es treibt an, weiter für ein kleines bisschen mehr Gerechtigkeit zu kämpfen.
Mehr Informationen zum Verein sowie den Kontakt gibt’s unter www.klartext-fuer-kinder.de.
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