Japaner lieben’s weich und süß
13.08.2011 | 12:00 Uhr 2011-08-13T12:00:00+0200
Rheurdt/Tokio. Man soll’s nicht glauben: Mitten in Tokio prangt der Schriftzug der Bio-Bäckerei Schomaker über dem Laden von Nobutaka Shimizu.
Der 31-jährige Japaner backt längst keine kleinen Brötchen mehr. Denn er beherrscht die hohe Handwerkskunst des Biobackens. Seit letztem Montag ist Nobutaka Shimizu zu Gast bei Andreas Schomaker, um von seinem deutschen Kollegen mal wieder ein paar leckere Rezepte abzugucken.
An der Universität Tokio studierte Nobutaka Lebensmittelwissenschaften. Schon damals schlug sein Herz für Deutschland: „Nach der Uni lernte ich drei Jahre in einer deutschen Bäckerei in Tokio“, erzählt er.
Das reichte dem strebsamen Japaner aber nicht. Über Umwege kam er 2004 zur Bio-Bäckerei Schomaker nach Rheurdt. Ein halbes Jahr lang machte er sich in der Kunst des biologischen Backens schlau. „Die Lizenz, unseren Namen in Tokio zu führen, hat er dann umsonst bekommen. Es ist ja auch gute Werbung“, lächelt der Altmeister des Biobackens.
Seither sind die beiden Kollegen in Kontakt. „Ich war auch drüben in Tokio und hab mich in Nobutakas Betrieb umgesehen. Er ist verglichen mit unseren Verhältnissen sehr klein. Aber fein. In Tokio kostet halt jeder Quadratmeter Boden ein Vermögen“, berichtet Andreas Schomaker.
Handelsbeziehungen
schon lange Zeit
Und: „Ich hab selbst gestaunt, wie sehr die Japaner deutsche Waren lieben.“ Aber schließlich treibe man ja auch schon sehr lange Handel zusammen.
Eigentlich liebt der japanische Gaumen Süßes, Weiches und Weißes, wenn’s um Backware geht. „Das Roggenbrot in Japan ist deshalb auch etwas süßer und weicher als bei uns. Trotzdem ist es erstaunlich, dass Japaner so etwas wie Sauerteig essen.“
Nobutaka hat offensichtlich nicht nur ein Händchen fürs Backen, er hat auch ein Näschen fürs Geschäft. Neben den vielen Tokiotern, die leckere Biobackware im Laden kaufen, hat er inzwischen auch Großkunden an der Angel wie feinste Sterne-Hotels oder die deutsche Botschaft. „Frau Merkel wird das Brot auch schon gegessen haben“, vermutet Nobutaka.
Nicht nur um neue Rezepte geht’s dem japanischen Bäcker. „Es gibt auch neue Techniken wie beispielsweise das Kochen des Getreides, damit das Brot noch saftiger wird“, schildert Schomaker. In Japan habe das Mehl aber leider nicht die Qualität wie in Deutschland. Das führt den japanischen Gast zu einem traurigen Thema, der Katastrophe von Fukushima. „Nichts ist mehr, wie es einmal war.“
„Noch können wir Biogetreide bekommen. Aber wie die diesjährige Ernte ausfällt, ob sie verstrahlt ist, wissen wir noch nicht“, berichtet der Japaner mit sorgenvoller Miene.
Das Trinkwasser sei bereits belastet. „Die Leute kaufen Mineralwasser. Meine Eltern haben uns von Nagano unverstrahltes Wasser mitgebracht, auch für unseren kleinen Sohn.“ In der Bäckerei bestellen Kunden Brot, das mit Mineralwasser hergestellt sei.
Für die Tokioter ist es zur traurigen Gewohnheit geworden, ihren Tagesablauf nach dem Wind zu richten. „Wenn er aus Fukushima kommt, halten wir uns besser drinnen auf.“ Die Wirtschaft leide stark unter der Katastrophe. „Die Umsätze sanken um gut ein Drittel.“ Und die vielen umgesiedelten Menschen suchten Arbeit. Es beispielsweise Probleme bei Autobauern, weil wichtige Zulieferer in Fukushima saßen. „Es gibt kein Dosenbier mehr, weil die Dosen in der Region Fukushima hergestellt wurden. Es geht nur langsam bergauf.“
Mit Schrecken erinnert sich der Tokioter an den Tag, der alles veränderte: „Der Boden unter meinen Füßen schwankte unglaublich. Gott sei Dank hatte ich den Ofen gerade ausgemacht. Wir sind alle auf die Straße gelaufen, dort haben wir uns hingehockt, weil Stehen unmöglich war. Masten und Pfähle, Häuser, alles wurde gewaltig hin- und hergerüttelt.“ Hinterher machten sich Millionen berufstätiger Menschen zu Fuß auf den Heimweg. „In der Bäckerei war gottlob noch alles intakt.“
Täglich gibt es
weitere Beben
Die Erde bebt weiter. Täglich erschütterten kleinere Beben das Land. „Experten rechnen fest damit, dass es in den nächsten 30 Jahren ein weiteres, ähnlich vernichtendes Beben samt Tsunami geben wird“, sagt der japanische Gast bewundernswert gefasst.
Heute macht sich Nobutaka Shimizu wieder auf die Heimreise. Ihren freundschaftlich-kollegialen Kontakt werden die beiden Bio-Bäcker nicht abreißen lassen.
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