Inhaftierte schaffen ein buntes Gemeinschaftswerk
19.08.2010 | 18:06 Uhr 2010-08-19T18:06:00+0200
Moers.Im ehemaligen Abschiebegefängnis in Moers haben der Künstler Aloys Cremers und Insassen der JVA Gelsenkirchen Hunderte aneinandergenähter Betttücher aufgehängt - eine Aktion im Rahmen des Ruhr2010-Projekts Schattenkultur.
Hunderte bunter aneinandergenähter Betttücher hängen an den Fenstern des Alten Hafthauses an der Haagstraße und wehen in den tristen Innenhof. Abseilen in die Freiheit - der Klassiker unter den Knastabgängen. In dem ehemaligen Abschiebegefängnis bekommt er am Wochenende unter der Regie des Aktionskünstlers Aloys Cremers eine ganz neue Bedeutung. Gemeinsam mit 60 Frauen und 40 Männern aus der JVA Gelsenkirchen hat Cremers für das Projekt Schattenkultur der Ruhr2010 gebrauchte Gefängnis-Bettlaken gestaltet und aneinandergenäht. „Alba“ - „Weiß“ hat er das kunterbunte Gemeinschaftswerk genannt, das er mit seinem Team vor Ort installiert.
Klare Botschaften auf bunten Laken
„Bei mir lernt man, nicht zu denken, sondern aus dem Bauch heraus zu arbeiten“, sagt der gebürtige Niederländer Cremers. Er verteilte Farben und Laken - und ließ machen. „Eingegriffen habe ich nur, wenn jemand „schön“ malen wollte. Mir geht es um Authentizität.“ Die fertigen Laken wurden im bunten Farbbad gewaschen und anschließend im Hof der JVA gebleicht.
Vieles ist mächtig bedeutungsschwanger an diesem Mammutprojekt: Der Weg in die Freiheit über die Kunst, das Bleichen der Flecken auf der vermeintlich weißen Weste - und doch sind es einzelne Botschaften auf den Laken, die mit der Wucht anrührender Klarheit wirken. „Ich habe dich lieb, Jul“ steht in großen bunten Buchstaben geschrieben, oder „Willi, ich liebe dich!“ Da sind immer wieder Gitterfenster, manchmal eine Südseeinsel, viele, viele rote Herzen, manche davon hinter Gitterstäben.
„Die Leute haben ihren ganzen Frust, ihre Emotionen drauf gemalt“, sagt Cremers, „meist fing es an mit einem Stück Heimat.“ Frauen drückten häufig die Sehnsucht nach Kindern, nach Familie aus, Männer schoben lieber politische Botschaften in den Vordergrund.
Die Ministerin und das Betttuch
Nicht nur die Inhaftierten griffen in Gelsenkirchen zu Sprühdose und Pinsel, auch die ehemalige, nicht immer unumstrittene NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter hat sich auf einem der Laken verewigt. Welches der wahllos aneinandergenähten Betttücher ihre Handschrift trägt, soll allerdings ein Geheimnis bleiben.
Zwei Tage nur, Samstag und Sonntag, ist die Installation als eine Art Labyrinth im ehemaligen Moerser Abschiebeknast zu sehen. Was dann mit den rund 300 Laken passiert, ist noch unklar.
Aloys Cremers kehrt in jedem Fall in die JVA Gelsenkirchen zurück, um weiterhin Workshops für die Inhaftierten anzubieten. „Das Wichtigste ist nicht das Malen oder das fertige Kunstwerk, sondern die Motivation.“
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