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Im Treff 55 kriegen Kinder mehr als nur ein warmes Mittagessen

10.09.2009 | 17:23 Uhr

Neukirchen-Vluyn. Um halb Zwei fliegt die Wohnungstür im ersten Stock des weißen Hochhauses am Vluyner Nordring zum sechsten Mal an diesem Mittag auf. Erkans* Schultornister landet irgendwo im Flur. Die wichtigste Frage nach einem langen Schultag: „Was gibt's heute?”

Der Tisch ist liebevoll gedeckt. Netice Kalayci hat Reis gekocht und Würstchen gebraten. Die obligatorische Ketchupflasche steht auf dem Tisch, dazu so viel klein geschnibbeltes Gemüse und Obst, wie ohne darüber nachzudenken in Kinderbäuche hineingeht. Ein ganz normaler Schulkind-Mittag in Deutschland. Und doch einer, der nicht immer selbstverständlich ist für Erkan und die neun anderen Kinder und Jugendlichen, die an diesem Tag im Treff 55 der Diakonie gemeinsam zu Mittag essen und Hausaufgaben machen.

Tischgespräche

Erzieherin Petra Kese arbeitet seit 20 Jahren mit Kindern und Jugendlichen in der Siedlung. Während Lehramtsstudentin Maike Porta im Nebenraum mit den anderen Kindern über den Hausaufgaben brütet und dabei nahtlos vom Grundschulrechnen zur Mittelstufengeometrie wechselt, setzt sich Petra Kese zu Erkan an den Tisch. Die Erzieherin und der 14-Jährige tauschen sich aus, lachen, frozzeln freundschaftlich miteinander. Schulgeschichten, Pausenabenteuer – was halt so läuft mit Freunden und Geschwistern. Tischgespräche.

Mutter, Tante, Freundin – Petra Kese ist von allem etwas, je nach Bedarf. „Das gemeinsame Mittagessen hier am Tisch ist wichtig. Zu Hause würde es für manche Kinder nach der Schule direkt vor den Fernseher gehen, oft ohne irgendeine Mahlzeit.” Ein halbes Jahr lang musste die Küche im Treff 55 kalt bleiben. Dank der finanziellen Unterstützung des Vereins „Klartext für Kinder – Aktiv gegen Kinderarmut” steht seit Beginn des neuen Schuljahrs Netice Kalayci jeden Mittag hier am Herd. „Geschmeckt hat es den Kindern bislang immer”, erzählt die ruhige Frau, die mehr als nur die Kochhilfe ist.

Ein Euro pro Mahlzeit

Erkan kommt schon seit der 1. Klasse in den Treff 55. Warum? „Ich mag das hier, das Essen und die Hilfe”, sagt der große Junge knapp. Dennis* (14) schätzt die Unterstützung bei den Hausaufgaben, „das hat zu Hause irgendwie nicht geklappt.” Ein Euro pro Mahlzeit verlangt die Diakonie von den Eltern – eher ein symbolischer Preis. „Wir wollen keinen ganz aus der Verantwortung lassen”, so Dienststellenleiterin Anneke van der Veen.

In den Treff 55 kommen Kinder, in deren Schulen keine Betreuung angeboten wird. Oder solche, die engere Betreuung brauchen. Und für manche Eltern, sagt Petra Kese, sei auch das Essensgeld in den Schulen zuviel. Etwa zehn Kinder essen, lernen und spielen täglich zwischen 12.30 Uhr und 15.30 Uhr in der gemütlichen Wohnung. Werbung für ihr Angebot braucht die Diakonie nicht. „Da läuft viel über Mund-zu-Mund-Propaganda”, so die Erzieherin.

Pfannkuchen, zum Beispiel

Übers Essen wird hier kaum genörgelt. Vielleicht weil Netice Kalayci gerne Kinderwünsche erfüllt. Keine spektakulären, ganz alltägliche. Pfannkuchen, zum Beispiel. Oder Spiegelei. Ganz normale Dinge eben.

*Namen geändert

Gabi Gies

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