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Heiligabend hinter Gittern

26.12.2011 | 15:50 Uhr
Heiligabend hinter Gittern
Heiligabend im Dienst: die Justizbeamten Christian Engeln, Peter Warsteit, Guido Ebert und Klaus-Dieter Friederich. Foto: Bernd Lauter/WAZ FotoPool

Moers.Es gibt tatsächlich Menschen, die freiwillig am 24. Dezember arbeiten – zum Beispiel in der Justizvollzugsanstalt Kapellen.

Wer verbringt Heiligabend schon gerne im Gefängnis? Die meisten Gefangenen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Kapellen, einer Anstalt für offenen Vollzug, verbringen die Weihnachtstage bei ihren Familien. Acht Männer jedoch müssen Heiligabend gewissermaßen hinter Gittern verbringen: die Beamten des Justizvollzugsdienstes.

Fünf Mann leisten Spätdienst von 14 bis 22 Uhr, drei Mann den anschließenden Nachtdienst. Sie alle verbringen die meiste Zeit im Wachraum an der Pforte. Ein kleiner, künstlicher Weihnachtsbaum, ein Gesteck mit einer Kerze, ein Teller mit Weihnachtsgebäck: Das ist alles, was ans Fest erinnert – das und die Gedanken an ihre Familien, bei denen sie nicht sein können.

Zurückgeben, was andere früher für ihn machten

Guido Ebert hat sich wie alle Kollegen, die an Heiligabend Dienst tun, freiwillig gemeldet. „Ich fühle mich in der Pflicht, das zurückzugeben, was andere Kollegen früher für mich übernommen haben“, erklärt der Familienvater. Seine Frau denkt wie er. Sie ist in der Behindertenbetreuung tätig, an Heiligabend macht auch sie Spätdienst. Peter Warsteit, Chef eines der sechs Teams, aus denen sich die rund 100 Mann starke Belegschaft zusammensetzt, nickt bestätigend: „Familienväter haben Vorrang.“

Christian Engeln gehört ebenfalls zu denen, die sich für den Heiligabend-Dienst gemeldet haben. Er wird wohl an seinen Bruder denken, der wie er als Justizvollzugsbeamter am 24. Dezember arbeitet, allerdings in der JVA Geldern. Christian Engeln besucht nach Dienstschluss den Gottesdienst in seiner Dorfkirche in Saalhoff. Dies ist seine Art, den heiligen Abend zu feiern.

Peter Warsteits Familie hat sich darauf eingerichtet, dass er stets an Heiligabend Dienst hat: „Bescherung ist dann am ersten oder zweiten Weihnachtstag“, erklärt er. Seine Kinder, sieben und zehn Jahre alt, könnten ja nicht so lange warten, bis er in der Nacht heim kommt. Guido Ebert, der Leiter der JVA-Arbeitstherapie, kann das gut nachvollziehen: „Es gibt angenehmere Dinge, als am 24. Dezember um 14 Uhr Dienst zu haben.“

Für die Gefangenen, die in der JVA bleiben, hat das „Knastcafé“ an Heiligabend länger geöffnet. Über das Abendessen musste nicht lange diskutiert werden: Es gibt auf Wunsch der Gefangenen Würstchen mit Kartoffelsalat – Knasttradition. Ein Beamter erinnert sich an ein Weihnachtsfest im geschlossenen Vollzug, an dem ebenfalls Würstchen mit Kartoffelsalat serviert wurde: „Oh, ist schon wieder Weihnachten?“, fragte ein Gefangener, der eine langjährige Haftstrafe absaß.

So kurios es sich anhören mag: Für Guido Ebert beginnt die Vorbereitung auf Weihnachten 2012 am heutigen 27. Dezember. Dann startet die Produktion der Artikel für den nächsten Weihnachtsbasar im „Gitterstübchen“, dem knasteigenen Holzartikel-Geschäft. Elke Krüger, Leiterin der JVA Kapellen (Spitzname der JVA: „Krüger-Nationalpark“), kann sich noch gut an die Produktion des ersten Weihnachts-Elchs im Jahr 2006 erinnern. Seitdem ist der beleuchtete muntere Elch der absolute Verkaufsschlager.

Besuch vom Ehemaligen

„Ein ehemaliger Gefangener unserer JVA, der vor seiner Inhaftierung auf der Straße lebte und danach wieder ins Leben zurück gefunden hat, kam uns mit Lebensgefährtin und Kind beim Weihnachtsbasar besuchen“, erinnert sich Elke Krüger. „Ein Gefangener kam zu uns mit Problemen mit der Feinmotorik“, sagt Guido Ebert lächelnd. „Der ist jetzt unser bester Mann.“ Für Heiligabend wird der Wachraum der Beamten noch mit Leihartikeln aus dem Gitterstübchen ausgestattet, damit auch dort ein wenig festliche Stimmung aufkommt.

Und, war was passiert an Heiligabend? „Das war ein sehr, sehr ruhiger Dienst, sehr angenehm“, blickt Guido Ebert zurück. „Es gab keine besonderen Vorkommnisse.“ Gut ein Viertel der Insassen, die, die keine Vollzugslockerungen hatten oder zum Beispiel Häftlinge muslimischen Glaubens, denen Weihnachten nicht so viel bedeutet und die lieber an anderen Tagen Ausgang haben wollen, waren in der JVA. Für die Beamten, die an Heiligabend Dienst hatten, gab es von Anstaltsleiterin Krüger eine Tüte mit Überraschungen.

Harry Seelhoff

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