Hayat Ketfi ist die gute Seele für Flüchtlinge

Für den Solidaritäts preis vorgeschlagen: Hayat Ketfi kümmert sich in Moers um Flüchtlinge.
Für den Solidaritäts preis vorgeschlagen: Hayat Ketfi kümmert sich in Moers um Flüchtlinge.
Foto: Volker Herold
Was wir bereits wissen
Die 29-Jährige arbeitet ehrenamtlich beim Bunten Tisch in Moers. Sie hilft durch den fremden Alltag.

Moers.. Wieder durchbricht das Klingeln unser Gespräch, wieder zögert Hayat Ketfi keinen Wimpernschlag. Prioritäten. Wäre das anders, säßen wir hier nicht zusammen. Diesmal ist Nabil in der Leitung. In der Flüchtlingsunterkunft, ein paar Meter die Straße rauf, gibt’s ein Problemchen. Und Hayat Ketfi ist der Typ, der kleine Dinge sofort erledigt. Viele kleine Dinge, dazu einige größere, Wunder kann sie nicht. Aber bei Nabil reicht eine kurze Info. Wundern dürfen wir uns trotzdem. Über diese junge Frau, ihren Antrieb, ihr Engagement. Von den 60 Wochenstunden, in denen sie sich beim Bunten Tisch in Moers für Flüchtlinge aufreibt, bekommt sie ganze zwölf bezahlt. Und das auch erst seit Kurzem. Die Organisation schlägt Hayat Ketfi für den Solidaritätspreis von NRZ und Freddy-Fischer-Stiftung vor.

Der urige Flachbau im Moerser Osten steht ganz offensichtlich im Herbst seiner Substanz. Man möchte einen Helm aufziehen, doch Ketfi lacht. „Solange kein Meter Schnee auf dem Dach liegt, geht’s.“ Mini-Küche, Mini-Büro, Mini-Toilette, ein großer Raum, der fast immer rappelvoll ist. PC-, Sprach- und Konversationskurse, Themen-Abende, es gibt sogar eine Nähgruppe. Kaum zu glauben, dass hier Hunderten Migranten und Asylbewerbern geholfen wird.

Schule des Lebens durchlaufen

Mittendrin Hayat Ketfi: Sie ist Anlaufstelle, Beraterin, Hoffnung, Freundin und Kummerkasten, hilft Flüchtlingen, den fremden Alltag zu bewältigen. Ketfi tut das mit Leib und Seele, eine Überzeugungstäterin, anders wären die vielen schlimmen Schicksale, diese Geschichten über Leid, Trennung und Tod, brutale Schleuser und menschliche Abgründe, auch kaum zu ertragen. Sie sagt: „Wer es bis hierher geschafft, der hat die Schule des Lebens durchlaufen. Der braucht keine warme Jacke und ‘ne Suppe, sondern ganz pragmatische Zuwendung, Beratung, ein Ohr, manchmal zwei. Und vor allem: eine reelle Chance.“

Wie gesagt, Wunder werden woanders produziert, aber diese Selbstverständlichkeiten sind es, für die das Team des Bunten Tisches seit über 20 Jahren kämpft. Gegründet als private Reaktion auf die große Flüchtlingswelle Anfang der 90er von Amar Azzoug, einem Algerier, dem ein besonderer Ruf vorauseilt: klare Kante zu sprechen. „Was Hayat hier leistet, ist großartig, aber nicht einzigartig, zum Glück“, sagt er. „Wir haben sie stellvertretend für alle Ehrenamtler unseres Bunten Tisches vorgeschlagen.“ Insgesamt engagieren sich dort fast 70 Frauen und Männer aus Moers und Umgebung.

Gerechtigkeit in der Wiege

Die gerade mal 29-jährige Ketfi ist eine von ihnen. Geboren in Kamp-Lintfort bekommt das dritte Kind einer deutschen Rechtsanwaltsgehilfin und eines algerischen Bauunternehmers seinen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit in die Wiege gelegt. Schon auf der Gesamtschule eckt es damit gern mal an. Sie will Jura studieren, entscheidet sich dann für Sozialarbeit, ist während des Studiums für das Essener Sozialamt mit libanesischen Familien und für das Oberhausener Friedensdorf aktiv. „Wer nachts im Pyjama durch den Essener Norden fahren muss, um einen Jungen zu suchen oder diese hilflosen, verstümmelten afghanischen Kinder weinen sieht, der wird demütig. Und verliert den letzten Rest falscher Sozialromantik.“

Beim Bunten Tisch hilft die dreisprachige Frau seit 2010 ehrenamtlich in unterschiedlichen Funktionen, und das neben ihren eigentlichen Jobs bei zwei Stadtverwaltungen, für die sie Projekte betreut. Seit Sommer ist sie fast ausschließlich als gute Seele für die Flüchtlinge aktiv. Anträge ausfüllen, Behördengänge, übersetzen. Täglich kommen neue Menschen. Viele junge Männer sind es zurzeit, viele muslimischen Glaubens. Akzeptanzprobleme? „Sagen wir mal so. Von einem mitteleuropäischen Mann bin ich noch nie ,Madame Hayat’ genannt worden. Diese Menschen zahlen mit Dankbarkeit und Respekt.“

Optimale Mischung

Ketfi findet ihr Engagement selbstverständlich. „Ich würde das nicht mal Ehrenamt nennen, das berührt mich einfach sehr.“ Wie sehr man so was an sich heranlasse, müsse jeder für sich selbst entscheiden, findet sie. „Ich habe ein Maß gefunden, das mich ständig antreibt.“ Und das ihren unverstellten Blick auf die Realitäten bewahrt, glaubt Bunter Tisch-Chef Azzoug. „In den letzten 20 Jahren habe ich Hunderte Ehrenamtler hier gehabt. Die einen sind sehr intellektuell und sachlich an die Aufgaben herangegangen, andere ausschließlich mit dem Herzen. Hayat bringt die optimale Mischung mit.“

Gewinner des Solidaritätspreises der Freddy-Fischer-Stiftung und der NRZ kann jeder werden, der Menschen in Not eine helfende Hand reicht. Und jeder kann auch einen möglichen Preisträger vorschlagen. Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte.