Gut, dass es dieses Theater gibt

Ich erinnere mich, dass ich Holk Freytag bat, mit einer Vorstellung in meine Schule nach Mülheim zu kommen. Holk kam und das Schlosstheater spielte Ja-Sager und Nein-Sager von Brecht. Auf der kargen Aula-Bühne lag ein zerschlissener Teppich als Requisit. Die Truppe spielte intensiv und vorzüglich – wie immer. Es gab prasselnden Beifall.

Ich fuhr in den 60er und 70er Jahren häufig zum Moerser Theater. „Na, was machst Du denn hier?“, musste ich hören. „Wunderliche Frage, ich möchte Euer Theater sehen.“ – „Schon gut, aber was willst Du wirklich hier?“ Ich verstand, mein Gesprächspartner befürchtete die Eingemeindung durch Duisburg. Dann ging der Vorhang hoch – so war es in jedem Theater. Doch in Moers gab es keinen Vorhang. Für jede Vorstellung wurde die Spielstätte neu eingerichtet. Der Zuschauer saß mitten drin. Die Thematik stammte oft aus der europäischen Klassik. Doch das Theatervolk transportierte die Thematik direkt ins Publikum. Schauspieler gingen durch die Zuschauerreihen. Das Ensemble hielt uns den Spiegel hin. Das war oft peinlich, bedrückend, wirklich. Wir waren gemeint. Gut, dass es dieses Theater gibt. Gut, dass es echte Freunde hat. Jürgen Schmude und seine Frau gehören dazu – und ich sei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte.
Josef Krings, ehemaliger Oberbürgermeister von Duisburg