Gespräch mit dem Gründer des Moerser Schlosstheaters

Holk Freytag beim Probenbeginn der Bad Hersfelder Festspiele in der Stiftsruine Bad Hersfeld
Holk Freytag beim Probenbeginn der Bad Hersfelder Festspiele in der Stiftsruine Bad Hersfeld
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Holk Freytag im Interview über das „Kulturwunder am Niederrhein“, kreative Unruhe und seine Sicht auf Hanns Dieter Hüsch .

Moers..  „Happy Birthday, altes Haus“ heißt es nächste Woche, wenn das Schlosstheater seinen 40. Geburtstag feiert. Zum Auftakt einer kleinen Serie „40 Jahre STM“ haben wir mit Gründungsintendant Holk Freytag gesprochen: über Anfänge, Höhepunkte und die Zukunft...

Wie kamen Sie vor 40 Jahren auf die Idee, in Moers ein Theater zu gründen?

Freytag: Mein Schulfreund Teddy Biesterfeld hat einmal gesagt, als wir bei Eduscho über unsere Zukunftsträume sprachen, „was nützt mir eine Professur in Mexico City, wenn ich damit nicht am Königlichen Hof angeben kann. Dass ich Theater machen wollte, wusste ich, seit ich am Adolfinum bei Dr. Rendenbachs Weihnachtsstück mitgemacht hatte. Und weil ich damit auch am Königlichen Hof angeben wollte, lag es nahe, es in Moers zu versuchen.

Gab es Widerstand?

Es gab gewaltigen Widerstand. Das Schlosstheater als Teil eines von der Moerser SPD vorgelegten Kulturplanes war zweimal zentrales Wahlkampfthema. Der damalige Stadtdirektor Jansen wollte mich sogar dadurch ausschalten, dass er mir ein Stelle in der Stadtverwaltung anbot, wodurch ich natürlich nach seiner Pfeife hätte tanzen müssen. Glücklicherweise wurde er kurz danach wegen anderer Verfehlungen vom Dienst suspendiert und der Kunstliebhaber und Theaterförderer Heinz Oppers trat an seine Stelle. Zusammen mit dem legendären Albin Neuse hatten wir wunderbare Verbündete. Die Gründung des Schlosstheaters war ein sich über Jahre hinziehender Krimi.

Die 70-er Jahre in Moers waren geprägt von ambitionierten Kulturprojekten – Schlosstheater, Jazzfestival, Folk & Fool Festival (heute Comedy Arts). Goldene Zeiten, die nicht so schnell wiederkommen?

Als wir 1980 zum ersten Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurden, schrieb eine Berliner Zeitung vom „Kulturwunder am Niederrhein“. Was in den 70er Jahren in Moers entstand, war auch einigermaßen einzigartig und noch heute denke ich mit Dankbarkeit an die tollen Mitstreiter, allen voran Frieder Backhaus, Hartmut Boblitz, Jürgen Schmude und Willy Brunswick. Eine ganz wichtige Rolle spielte der damalige WAZ-Chef Georg Häckel, dessen offensive Redaktion die Stadt ständig in kreative Unruhe versetzte. Diese Leute glaubten an das Potenzial der Stadt und daran, dass die Kultur der Motor auch wirtschaftlicher Entwicklungen sein kann. Man muss daran wieder und wieder erinnern, dann sind auch heute noch Goldene Zeiten herstellbar – trotz deutlich spürbarer Abkühlung des geistigen Klimas in der Republik.

Was hat sich seitdem geändert?

Uns ist der Zukunftsglaube abhanden gekommen und wir betäuben uns mit Krimis, öden Talk- und Quiz-Shows, nicht zu vergessen die derzeit 42 Kochsendungen auf den verschiedensten Kanälen. Das muss jeder Theaterabend in den Köpfen der Menschen erstmal wegräumen.

Sie haben unter anderem 1979 mit ihrer als Peep-Show inszenierten Aufführung der „Bacchantinnen“ weit über Moers hinaus für Furore gesorgt. Der „Zeit“-Kritiker schrieb: „Im kleinen Schlosstheater gibt es viele große Augenblicke“. War diese Inszenierung Ihr „größter Augenblick im kleinen Schlosstheater“?

Nein, unsere wichtigste Arbeit war die sechseinhalb Stunden dauernde Inszenierung der „Orestie“, die wir 102 mal gespielt haben. Auf dieses Stück haben wir jahrelang hingearbeitet und ich treffe heute noch immer wieder auf Menschen, die dieser zweieinhalbtausend Jahre alte Text damals aufgewühlt hat.

Funktioniert Theater in einer Stadt wie Moers heute anders als vor 40 Jahren?

Ich glaube, Theater funktioniert seit dreitausend Jahren immer auf die gleiche Art: auf der Bühne stehen Schauspieler, die eine Geschichte zu erzählen haben und im Zuschauerraum sitzen Menschen, die sie hören wollen. Wichtig ist nur, dass die Geschichte etwas mit den Menschen zu tun hat, für die sie erzählt wird.

Bei der letzten großen Spardiskussion um das Schlosstheater hat man auch Ihre Stimme in Moers laut gehört. Wie sehr liegt Ihnen das STM immer noch am Herzen?

Für das Schlosstheater würde ich jeden Urlaub abbrechen. Ich muss mich nicht verantwortlich fühlen, weil es in guten Händen ist, aber ich leide mit, wenn es ihm schlecht geht.

Rückblickend – welchen Stellenwert hat die Moerser Zeit für Sie?

Bei meinem Abschied im Kulturausschuss hab ich damals wörtlich gesagt: „Ich weiß, dass die Zeit in Moers immer meine glücklichste Theaterzeit gewesen sein wird.“ Dem habe ich auch heute nichts hinzuzufügen.

Sie bringen am 10. Mai mit Jürgen Kessler in Erinnerung an Hanns-Dieter Hüsch die szenische Lesung „Und sie bewegt dich noch!“ auf die Bühne. Vielen gelten Sie als derjenige, der Hüsch mit seiner Heimatstadt versöhnt hat. Woran hat es damals eigentlich gehakt?

Die Moerser haben viele Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass Hüsch hinter den oft brüllend komischen Niederrhein-Nummern eine tiefe Liebe zu den Menschen hier versteckt hat. Hüsch hat ihnen die Sprache gegeben, das musste erst akzeptiert werden. Aber er war sehr glücklich über die letztendliche Anerkennung. Willy Brunswick hat große Verdienste um Hüsch in seiner Heimatstadt.

Was wünschen Sie dem STM in zehn Jahren zum 50. Geburtstag?

Die nächsten fünfzig Jahre.