Gedanken gelten dem Kleinkind
24.04.2009 | 20:35 Uhr 2009-04-24T20:35:00+0200Die Mattheck zwischen Stigma-Debatte und Hoffnung.
Die richtige Antwort gibt es nicht. Muss ein Mensch verzweifelt, abgebrüht oder asozial genug sein, um einen anderen brutal zu töten? Eine Mutter von zwei Kindern, die eigene Ehefrau – egal, wie zerrüttet das Verhältnis war. Die Tatsache, dass der Erdboden Reinaldo Winkler offenbar verschluckt hat, nährt den bösen Verdacht, dass da ein Plan aufgeht.
Die Mattheck bleibt fassungslos zurück, im Mark erschüttert. Schließlich ist es eine Familie aus ihrer Mitte. Die zehnjährige Tochter besucht die Annaschule, eine Einrichtung, die in diesem schwierigen Viertel vor allem auf Miteinander und Nachbarschaft setzt. Gleichzeitig sieht sich die Siedlung einer Stigma-Diskussion ausgesetzt – die allerdings ist an dieser Stelle nicht mehr als ein bedauerlicher Reflex.
Das hat zwei Gründe: Zum einen liegt die gesellschaftliche Toleranzgrenze ziemlich exakt beim Knauf der Schublade, in dem sich Viertel wie der Vluyner Nordring, das Lintforter Gestfeld oder eben die Mattheck befinden. Zum anderen beeilen sich Politik, Stadt und Wohnungsbau zu betonen, wie viel rund um den Dresdener Ring getan wird. Weil sie genau wissen, dass es trotz der zarten Erfolge noch ein langer Weg ist.
Wer ehrlich reflektiert, ohne dümmliche Effekthascherei, ohne rosa Brille und fernab einer Tat, die überall passieren kann, spürt Optimismus und Sorge. Der Stadtteil ist in den letzten Jahren verschönert worden. Wohl nirgendwo in Moers gibt es zudem ein solch dichtes Netz an Hilfe-, Beratungs- und Bildungseinrichtungen. Die Verwaltung investiert viel Geld in die Entwicklung einer intakten Gemeinschaft.
Andererseits ist das bitter nötig. 60 Nationalitäten, die Hartz IV-Quote doppelt so hoch wie in Rest-Moers. Was Stadt- und Sozialplanung jahrzehntelang verbockt haben, drehen vier Jahre „Soziale Stadt" nicht um. Die Mattheck ist auf einem guten Weg, mehr nicht. Aber eben auch nicht weniger.
Reibungsloser sollte das Mega-Projekt Rathaus laufen. Selbst die Prinzip-Kritiker und Wahlkämpfer haben kein Haar mehr in der Suppe gefunden, die von Stadtplanungspossen gebeutelten Moerser dürfen sich ruhig ein wenig freuen. Auch über das Versprechen des Investors Hochtief, kleinere und mittlere Unternehmen aus der Region profitieren zu lassen. Das passt in die allgemeine Euphorie, verpflichtet aber auch. Die NRZ/WAZ hält ein Auge darauf, wie verlässlich der Partner Hochtief für die Bürger, die ihn bezahlen, wirklich ist. Versprochen!
Zurück im Jetzt gilt alle Hoffnung der 19 Monate alten Tochter der getöteten Moerserin. Dass sie wohlbehalten zurückkommt. Es wird nur wenige geben, die an diesem Wochenende nicht daran denken.
MICHAEL PASSON
m.passon@nrzwaz.de
10:46
Sehr geehrter Herr Passon,
teile ich auch in weiten Teilen den Inhalt Ihres Kommentars zu den schrecklichen Geschehnissen in der Mattheck, so komme ich doch nicht umhin, zu Ihrer Schuldpassage mich zu äußern:
Es ist eine alte Versuchung nicht nur von Zeitungen (Stickworte u.a.: Volksmund und Thekendemokratie) komplexe Sachverhalte auf möglichst einfache Lösungen zu bringen, um so gesellschaftliche Fragen populistisch und damit mundgerecht aufzuarbeiten. Wir wissen jetzt jedenfalls, dass die Schuld an dem Geschehenen bei der Stadt Moers und konkret bei den Sozialentwicklungsplanern liegt. Und weil das so ist, haben wir eben die Verantwortlichen. Nichts weiter zu veranlassen. Fehlt nur noch die Strafanzeige. Pfuiii!
Ihr
Hans-Gerhard Rötters