Fußballzeit ist Einkaufszeit

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Moers..  Ganz Deutschland fiebert vor dem Fernseher mit der Nationalmannschaft. Ganz Deutschland? Nein! Eine von unbeugsamen Einkäufern be-völkerte Stadt hört nicht auf, dem Fußballfieber Widerstand zu leisten. In Moers gilt: Fußballzeit ist Einkaufszeit. Zumindest teilweise.

Kurz nach dem Anpfiff des Spiels gegen Serbien ist nicht mehr viel los in der Innenstadt. Im Straßenbild sind die Männer Mangelware, die Stadt gehört den Frauen. In der Buchhandlung Thalia haben einige wenige Kunden im Erdgeschoss alle Bücher für sich alleine, das Obergeschoss scheint bis auf Heike Garcynski an der Kasse vollständig verwaist. Doch nein, hinter der Säule sitzt ein junger Mann, sichtet konzentriert einen Stapel Bücher.

Das geschriebene Wort
statt nerviger Tröten

Joshua Maas sitzt oft und gern hier in der Buchhandlung, diesem Ort der Stille. „Diese Fußballtröten nerven“, sagt er kurz und bündig und wendet sich umgehend wieder dem geschriebenen Wort zu. Nein, echte Fußballbegeisterung sieht anders aus. Immerhin ist er seit einigen Augenblicken nicht mehr allein, denn zwei junge Damen haben den Cafébereich der Buchhandlung betreten.

Lena Dieren und Megan Ward sehen sehr entspannt aus, als sie in die Sessel sinken und Bücher aufschlagen. Die Ruhe vor dem Sturm: „Wir werden gezwungen, zu gucken.“ Das Schicksal der Adolfinerinnen berührt. Sie werden später am Tag im Un-terricht zusehen müssen, wie Männer in kurzen Hosen hinter einem Ball herrennen. In den tiefen Sesseln gönnen sie sich zuvor etwas Erholung.

Auch bei Braun leiden die wenigen Kunden nicht gerade an Platzmangel. Drei Damen sind intensiv mit der Auswahl beschäftigt. Haben Sie diesen Zeitpunkt gar mit Bedacht ge-wählt? „Wir sind aus Holland, uns interessiert das Spiel nicht“, sagt Jose Geurts, und Riki Bartents und Marian Flinsenberg nicken bestätigend.

Keine Fußballmuffel,
nur holländische Gäste

Also reinrassige Fußballmuffel? „Wenn Holland spielen würde, wären wir zuhause!“ Okay, das kann man verstehen. Und wenigstens retten nette Nachbarn aus den Niederlanden den Umsatz des Moerser Einzelhandels.

Was übrigens auch nette Leute aus Bielefeld tun -- nette Leute wie Barbara Stegmanns und Patrick Raute. Er trägt artig ihre Einkäufe, und das hat seinen Grund: „Ich hab’ heute Geburtstag“, erklärt die ehemalige Moerserin und findet das Shoppen heute sehr entspannend. Der Mann aus Bielefeld fügt hinzu: „Ich gucke normalerweise die Spiele, aber das ist ein Teil des Geschenks.“ Tapferer Mann. Das muss wahre Liebe sein.

Nach dem Spiel füllt sich die Stadt wieder mit Einkaufswilligen. Viele schauen etwas enttäuscht aus der Wäsche.