Ein Neukirchen-Vluyner Landwirt in Brüssel

Karl-Heinz Florenz (r.) im Gespräch mit Harry Seelhoff.
Karl-Heinz Florenz (r.) im Gespräch mit Harry Seelhoff.
Foto: Christoph Karl Banski
Was wir bereits wissen
Karl-Heinz Florenz vertritt im Brüsseler EU-Parlament den Niederrhein. Die Redaktion sprach mit ihm über Landwirtschaft und Jagd, über europäische Politik und ihre Umsetzung in Deutschland.

Neukirchen-Vluyn/Brüssel..  Nieder­rheiner, Landwirt, ehemaliger Stadtrat, Europa-Abgeordneter, Jäger, Großvater – der Mensch Karl-Heinz Florenz hat viele Facetten. Er ist ein Mann der klaren Worte, eingebettet in eine Familiengeschichte, die ihn und seine Nachkommen an den Boden bindet, der sie ernährt. Er ist auf glattem, internationalen politischen Parkett ebenso daheim wie in der Scheune, in der er an seinen alten Traktoren schraubt. Die Redaktion sprach mit ihm über Landwirtschaft und Jagd, über europäische Politik und ihre Umsetzung in Deutschland.

Verständnis für einen Jahrhunderte alten Wirtschaftszweig zu wecken ist dem 67-jährigen Parlamentarier ein persönliches Anliegen: „Die Landflucht geht weiter voran, der Kontakt zur Landwirtschaft nimmt weiter ab.“ Im gleichen Maße, wenn nicht weitaus radikaler, haben sich die Verhältnisse in der Landwirtschaft verändert: „Als ich 1972 angefangen habe zu wirtschaften, hatte ich 100 Schweine. 30 Jahre später brauchte es 1000 Schweine, um eine Bauernfamilie zu ernähren, und heute müsste man 3000 Schweine haben. Ich frage: Ist das unser Ziel?“

Einen Ertrag erwirtschaften

Seines ist es nicht. Florenz baut heute Raps, Mais, Weizen und Wintergerste an, 15 Prozent der Betriebsfläche nutzt sein Sohn für seine Baumschule. Gesellschaftliche Akzeptanz für seinen Beruf? „Es sind Leute aus der Stadt, die Haltungsformen für das Vieh mit uns diskutieren, und die ein Hähnchen für 2,99 Euro aus der Tiefkühltheke kaufen. Da sind die ökologischen Wünsche der Bevölkerung, aber am Ende muss der Bauer seinen Ertrag für die Familie erwirtschaften. Das Einkommen muss aus dem Hof kommen.“

Ökologisches Wunschdenken und realitätsferne Naturverliebtheit haben für Karl-Heinz Florenz weder in der Landwirtschaft noch in der Jagd einen Platz. Er wurde kürzlich zum Präsidenten einer interfraktionellen Gruppe von EU-Abgeordneten aus allen Mitgliedsländern und 28 Parteien gewählt, die sich mit allen Aspekten der Natur, des Naturschutzes, der Jagd und des ländlichen Lebens befasst. „Man muss bedenken, dass die Franzosen eine eigene Jagd-Partei in ihren Parlamenten haben“, so Florenz. Ich bin für eine Diskussionskultur, wir müssen mehr miteinander reden.“ Er wehrt sich gegen eine Ausgrenzung: „Ich setze mich dafür ein, dass wir als Jäger – wie die Briten sagen – mitten auf der Straße gehen.“ Was übersetzt so viel heißt wie sich in der Mitte der Gesellschaft zu befinden – wobei die Deutschen, scherzt er, dabei sofort an die Unfallgefahren denken würden...

Diskutieren müsse man dringend auch darüber, wie Europa mit gentechnisch veränderten Lebensmitteln umgehen soll. „Die USA exportieren kräftig genmanipuliertes Soja nach Europa. Die Grenze zu den Niederlanden ist 127 Kilometer lang, und die Deutschen holen es sich dort völlig legal ab – ein Verbot in Deutschland kann so nicht funktionieren.“ Als Landwirt ist er ein Verfechter natürlicher Anbaumethoden, aber er warnt davor, Türen für immer zuzuschlagen.

„Die USA entwickeln einen Strauch, der – auf Mülldeponien gepflanzt – Schwermetalle aus dem Boden zieht. Eine neue Weizensorte kommt mit 80 Litern Wasser im Jahr aus, mein Weizen braucht 400. Das sind schon substanzielle Veränderungen, ich rate dringend dazu, das sachlich zu diskutieren“, appelliert Karl-Heinz Florenz.

Er führt zwei gewichtige Argumente ins Feld: „Man weiß nicht, wie wir die Menschheit in 20 Jahren ernähren sollen.“ Macht Weizen mit geringem Wasserbedarf vielleicht einen Anbau in der Sahel-Zone möglich? Und: „Wir dürfen die Türe für die Forschung nicht verschließen und so die Chance für unsere Kinder verbauen.“ Die Wissenschaft müsse arbeiten können, auch wenn man sich in Deutschland gegen die Gentechnik entscheide.

Ein paar Tausend Eichen und Buchen

Beim Gang über seinen Hof blickt der EU-Abgeordnete auf eine Fläche, auf der er ein paar Tausend Eichen und Buchen pflanzte – ein Teil seines Beitrages zum Umweltschutz: „Das ergibt eine Riesen-CO2-Aufnahme. Das ist das, was wir wollen.“ Als 20-Jähriger, also 1968, habe er leidenschaftlich über die Sozialverträglichkeit des Eigentums diskutiert; heute, als 67-Jähriger, leistet er mit gelebtem Umweltschutz seinen Beitrag. Für ihn als Landwirt ist es etwas, was man nicht übers Knie brechen kann: „Wer sät, muss warten können.“

Karl-Heinz Florenz spricht gern in Bildern, so auch, wenn er seine Arbeit als Europaabgeordneter beschreibt: „Wir machen in Brüssel ein Fachwerkhaus – aber nur den Rahmen, die Richtlinien.“ Während beispielsweise die Italiener sich damit begnügen würden, das Fachwerk mit luftigen Ziegeln auszubauen, bauten die Deutschen erst einmal ein zusätzliches Betonfundament und füllten das Fachwerk mit den dicksten Steinen, die man sich vorstellen könne.

„Wenn wir in Brüssel ein niederrheinisches Scheunentor anbieten, macht Berlin ein halbes draus, die Landesregierung in Düsseldorf eine Feuerwehrtür.“ Wenn die Bezirksregierung dann fertig sei, bliebe vom Scheunentor nur noch ein Katzenloch übrig, das sei hundertfach bewiesen. Dies sei seine Art der Politik nicht: „Mein Vater war im Stadtrat. Sein oberstes Motto war: Sag mir nicht, was dir nicht gefällt, sag mir, was dir gefällt.“

Und dies, sagt Karl-Heinz Florenz, sei auch seine Art, Politik zu machen. Politik für den Niederrhein, für seine Heimat.