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Ein Kasten Bier von Kalle Pohl

20.07.2007 | 09:08 Uhr

INTERVIEW. Franjo Terhart ist Kulturmacher in Neukirchen-Vluyn. Er kennt viele große Kabarettisten und Comedy-Stars.

NEUKIRCHEN-VLUYN. Franjo Terhart ist seit 17 Jahren Kulturmacher der Stadt. Als viel versprechendes Multitalent kam er damals, heute ist er einer der erfolgreichsten Veranstaltungsmanager in der Region. Er erzählt von den Anfängen auf Schloss Borbeck, seinen Büchern, einer ziemlich schrecklichen ersten Rundfahrt durch Neukirchen-Vluyn und einem Kasten Bier von Kalle Pohl.

Sie stammen aus dem Ruhrgebiet. Wie war Ihre erste Begegnung mit der Stadt?

Franjo Terhart: Ich hatte mich 1990 hier als Kulturbeauftragter beworben. Daher kam ich im Herbst mit meiner zukünftigen Frau und sah mir die Stadt an. Die Zeche war noch in Betrieb, und alles andere war ziemlich ländlich. "Um Himmels Willen", meinte meine Frau. Ich sagte nur: "Sehen wir 'mal..." Jetzt leben wir zehn Jahre hier - und keine zehn Pferde bringen uns mehr weg. Wir haben den Niederrhein schätzen und lieben gelernt.

Was macht den Hauptteil Ihrer Arbeit aus?

Franjo Terhart: Die meiste Zeit verbringt man als Kulturmacher mit der Ideen-Suche. Im Grunde hab' ich schon alles gemacht. Das Programmmachen ist eine Aufgabe, aber die offene Kulturarbeit, das Gestalten der Bühnenprogramme bei allen Veranstaltungen in der Stadt, nimmt einen breiten Raum ein. Aber der Kontakt zum Bürger vor Ort hat mich ja von Anfang an gereizt.

Wie kamen Sie als Kulturbeauftragter in die Stadt?

Franjo Terhart: Eigentlich war ich Buchautor und hatte, worauf ich stolz bin, 1982 den Kulturpreis für Literatur der Stadt Essen erhalten. Als Programm-Macher in der Kultureinrichtung auf Schloss Borbeck war ich schon in den 80-er Jahren aktiv. Meine damalige Verlobte meinte: In Neukirchen-Vluyn wird ein Kulturmacher gesucht. Das kannst du doch gut. Warum bewirbst du dich nicht? Das war im Frühjahr 1990.

Wie ging's weiter?

Franjo Terhart: Erst mal haben wir geheiratet. Und wir fuhren in aller Seelenruhe nach Kreta. Dort, am Strand, meinte meine Frau: Was ist eigentlich aus der Bewerbung geworden? Ich hatte das fast vergessen. Zurückgekehrt, meldete ich mich im Rathaus. Da gab es 140 Kandidaten.

Sie wurden mit den Stimmen der SPD und CDU gewählt, nur die dritte Partei im Rat, der FDP, wählte Sie nicht.

Franjo Terhart: Das stimmt. Doch inzwischen bin ich alle fünf Jahre einstimmig wieder gewählt worden. Das Vertrauen der Politik ist groß. Neulich fragte ein Künstler an, wo er ausstellen könnte. Ich hab mir die Bilder angesehen und gemeint: Hier! Die Werke hängen gerade im Rathaus. Woanders wäre das undenkbar.

Das war bei Ihren Vorgängern anders. Zahllose Diskussionen gab es im Vorfeld eines neuen Programms.

Franjo Terhart: Stimmt. Aber ich habe auch ein anderes Programm gemacht. Obwohl es bei meinem Amtsantritt offiziell hieß, es sei egal, ob die Kulturhalle ausverkauft sei oder nicht. Das sah ich anders. Drei Zuhörer bei Brecht- und Weill-Lesungen... Das kann es nicht sein, dachte ich. Schnell kristallisierte sich heraus, dass die Menschen hier politisches Kabarett besonders lieben. In der letzten Spielzeit kamen über 80 Prozent unseres Budgets durch den Kartenverkauf wieder zurück.

Haben Sie im Laufe des Programm-Machens etwas dazu gelernt?

Franjo Terhart: Tatsächlich lernt man nie aus. Ich hatte anfangs Probleme mit der Sparte Comedy. Doch ich merkte schnell, dass Comedy nicht Klamauk bedeuten muss, sondern dass es auch da echte Könner gibt. Das sieht man einmal mehr an unserem aktuellen Programm. Neben großen Kabarettisten-Namen wie Thomas Freitag oder Hagen Rether gastieren auch Bernd Stelter und Gaby Köster in Vluyn.

Sie haben inzwischen 55 Sachbücher, Gedichtbände und Romane veröffentlicht. Wann schreiben Sie das alles?

Franjo Terhart: Nachts, wenn im Haus alles still ist. Das war übrigens auch der Grund dafür, dass ich bei meinem Amtsantritt so etwas wie einen Intendantenvertrag haben wollte. So kann ich mir meine Arbeitszeit einteilen. Das stieß auf Unverständnis, dem Schlendrian sei Tür und Tor geöffnet. Dass dies nicht so war, zeigte sich schnell.

Sie haben einiges angeschoben im Kulturleben Neukirchen-Vluyns. Die klassischen Konzerte auf Schloss Bloemersheim. Die Veranstaltungen auf dem traditionsreichen Winkelshof. Viele große Events wie das Kulturfest auf der Niederrheinallee am autofreien Sonntag, das Haldenfest "Gipfelsturm" oder die Kunstmeile, bei der Künstler sich in Schaufenstern präsentierten. Auf was dürfen sich die Neukirchen-Vluyner als nächstes freuen?

Franjo Terhart: Ende August steigt eine Kunstmesse in allen Räumen der Kulturhalle. 50 Künstler präsentieren dann ihre Werke. Nicht zu vergessen: Das Gitarrenfestival. Die Kulturstiftung der Sparkasse will ein Musikfestival sponsern. Ich dachte gleich an die Gitarre; sie ist vielseitig, von Jazz über Folk, von E-Gitarre bis zur Gitarre der Liedermacher. Das erste Oktoberwochenende ist dazu ausgeguckt. Orte werden wahrscheinlich Gaststätten, Kirchen, die Bücherei oder der Winkelshof sein.

Im Umgang mit den Künstlern sagt man Ihnen ein Händchen nach. Die Kulturhalle ist klein. Und wer bekannt ist, tritt heute fast nur in Sälen ab 1000 Plätzen auf.

Franjo Terhart: Das ist so. Aber trotzdem kommen die Größen gern zu uns. Bei uns fühlen sie sich gut aufgehoben.

Dabei gab es sicher interessante Erlebnisse.

Franjo Terhart: Ja. Kalle Pohl schuldet mir beispielsweise noch einen Kasten Bier. Er wollte nach seinem Auftritt in Vluyn nur noch Fernsehen machen. Wir haben um einen Kasten Bier gewettet, dass er das nicht durchhält. Es hat auch keine paar Monate gedauert, bis er wieder auf die Bühne stieg. Oder Thomas Freitag, der hat mich zum Abendessen ins Jagdhaus Auwelaers eingeladen, damit ich Franz-Josef Strauß und Helmut Kohl persönlich kennen lerne. Dann hat er am Tisch das Programm nachgespielt. Oder Konrad Beikircher. Der sagte, er brauche den Flügel auf der Bühne nicht. Als er hörte, dass das Kulturamt 100 Mark Leihgebühr dafür bezahlt hatte, zückte er sein Portemonnaie und gab mir das Geld zurück.

Franjo Terhart (53) stammt aus Essen-Borbeck, einem Stadtteil mit 100 000 Einwohnern. Terhart studierte Latein, Philosophie und katholische Theologie. Als Jugendlicher gründete er in Borbeck die Gruppe "Stadtgas", eine Gemeinschaft von jungen Künstlern, die schrieben, malten oder Musik machten. Während des Studiums arbeitete Terhart für die NRZ-Redaktion in Essen, später für den WDR-Hörfunk und berichtete über kulturelle Ereignisse. Bevor er nach Neukirchen-Vluyn kam, organisierte er zehn Jahre ehrenamtlich das Kulturprogramm als Vorsitzender des Vereins Kulturtreff Schloss Borbeck. Der Irland-Fan Terhart lebt mit seiner Frau Christiane und seinem Sohn Christopher-Sean (16) in Neukirchen-Vluyn. Das ZDF will nächstes Jahr einen Dreiteiler mit seiner Reihe über berühmte Piratinnen drehen. (Hm.)

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