Ein Geschmack wie 100 Tafeln Schokolade

Wilma Duckwitz kaufte sich die Schildkröt-Puppe „Inge“ nach Kriegsende zur Erinnerung erneut.
Wilma Duckwitz kaufte sich die Schildkröt-Puppe „Inge“ nach Kriegsende zur Erinnerung erneut.
Foto: Foto: Erwin Pottgiesser / FUNKE
Was wir bereits wissen
Wilma Duckwitz war neun Jahre, als der Krieg in Moers zu Ende war. Ihr Bruder kochte für die Engländer. Da trank sie zum ersten Mal Tee mit Kandis und Sahne.

Moers..  Wilma Duckwitz und ihre Mutter waren nicht die einzigen, die fürchterliche Angst hatten. In dem Bunker nahe der Blumenstraße in Walsum hatten sich die Anwohner wochenlang vor den zahllosen Bombenangriffen versteckt.

„Die hörten gar nicht mehr auf, da blieben alle lieber in dem engen Bunker. Dann, an einem Tag Anfang März, schlugen die Engländer an die Bunkertür und riefen, wir sollen ‘rauskommen und uns ergeben“, erinnert sich die 79-Jährige noch gut. „Eine ältere Frau fasste sich schließlich ein Herz und öffnete die Tür. Die Kugeln sausten über ihren Kopf hinweg. Dann hörten sie draußen auf zu schießen. Als wir ‘rauskamen, sahen wir in die Mündungen vieler Gewehre. Das Herz schlug mir bis zum Hals.“

Einige Deutsche kämpften wohl noch. „Man hörte die Schreie, wenn einer getroffen war.“ Dann wurde alles ruhig.

Noch einige Tage lebten die Menschen in dem Bunker. „Es gab täglich eine Kelle Suppe für jeden, das war für uns ein Festessen.“ Dann erlaubten die Engländer ihnen, nach Hause zu gehen. „Unterwegs habe ich gebetet, dass unser Haus noch stand und mein Vater und mein Bruder noch lebten“, schildert Wilma Duckwitz. Der Vater war Bergmann und daher nicht eingezogen worden.

Der Bruder war 18 Jahre alt und von Beruf Koch. Gerade hatte er seine Lehre beendet. „Bei den Hausdurchsuchungen wussten die Engländer nicht, was sie von ihm halten sollten. Mein Vater hatte ihn zurückgehalten, als er zum Schluss noch an die Front sollte. Der Krieg sei doch so gut wie aus. Also zeigte mein Bruder den englischen Soldaten zum Beweis, dass er kein Deserteur war, sein Gesellenzeugnis.“

Das sollte sich als glückliche Fügung erweisen. Denn nur wenig später erschien wieder ein Militärfahrzeug vor dem Walsumer Haus. „Ich dachte noch, hoffentlich holen sie ihn nicht ab und erschießen ihn.“ Aber weit gefehlt: Der junge Mann wurde zur Hauptunterkunft der Engländer nach Dinslaken gebracht und durfte fortan für die Militärs kochen. „Von da an ging’s mit dem Essen bei uns zu Hause wieder bergauf.“ Weißes Brot, so weiß, wie man es noch nie gesehen hatte, aßen die Engländer. „Die vielen Enden warfen sie weg. Mein Bruder kam oft mit diesen frischen Resten, und wir haben vieles davon in der Nachbarschaft verteilt.“

Eines Tages sollte sich die kleine Wilma auf den Weg machen und den Bruder in Dinslaken abholen. Zu Fuß natürlich. „Das war kein schöner Anblick unterwegs, alles war zerstört, die Brücke über die Emscher hatte nur zwei Taue als Geländer. Und ich hatte schon ziemlich viel Angst.“

Als Wilma an das große eiserne Tor des Militärlagers kam, standen da zwei Wachen, so starr wie die Zinnsoldaten. Die Neunjähige fasste sich ein Herz und fragte nach ihrem Bruder. „Da rief einer der beiden laut, und ein anderer Soldat kam, mit mehreren Abzeichen auf der Schulter. Der brachte mich in die Küche.“

Dort hieß der Soldat das Kind, sich erst einmal zu setzen. „Dann gab es eine Tasse heißen, schwarzen Tee. Dazu braunen Kandis und Sahne. Die machte wunderschöne, weiße Wölkchen in der Tasse. Ich erinnere mich noch genau, als ich den ersten Schluck trank, das war wie hundert Tafeln Schokolade in meinem Mund. Den Geschmack werde ich nie wieder vergessen.“

Nach dem Krieg komplettierte sich die Familie nach und nach wieder. Zwar war der Älteste in Russland gefallen. „Aber der Zweitälteste war im Osten von lieben Menschen vor den Alliierten versteckt worden. Er stand eines Abends im Dunkeln vor unserer Tür und klopfte. Er war die ganze weite Strecke nach Hause gelaufen. Unsere Freude war sehr groß.“