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Die kollektive Helau-Hysterie

04.02.2008 | 10:10 Uhr

Wie eine gebürtige Berlinerin am Niederrhein Karneval feiert

Und wieder ist sie da, die fünfte Jahreszeit. Ein Phänomen, das mir als gebürtige Berlinerin jedes Jahr aufs Neue Rätsel aufgibt. Dauert ein Jahr an der Spree doch auch genau zwölf Monate, und das, obwohl wir nur Frühling, Sommer, Herbst und Winter kennen.  So werden in meiner Heimat die karnevalistischen Bräuche auch eher skeptisch beäugt, denn begangen, (von einzelnen, großzügig geduldeten Hauptstadt-Asylanten Bonner Herkunft mal abgesehen), und speziell in Kreuzberg – dem Ort meiner Kindheit – steigt die Stimmung traditionsgemäß auch eher am ersten Mai.  Will sagen: Es lebt sich durchaus in Berlin. Und das mit nur vier Jahreszeiten.  Was zu dieser Überzeugung leider so gar nicht passen will, ist die Leidenschaft meiner drei Kinder für den rheinischen Karneval. Immerhin verleben wir heuer nun schon unseren achten Rosenmontag am Rhein, und trotzdem kann ich (im Gegensatz zu meiner direkten Nachkommenschaft) diesem jecken Treiben noch immer nicht wirklich etwas abgewinnen. Denn: Was bedeutet Karneval realistisch betrachtet und auf den Punkt gebracht?  Kollektives Frieren am Straßenrand ! Und wildes Gebalge um eine Handvoll billiger Bonbons, (die hinterher sowieso wieder keiner essen will). Tolle Sache, das.  Nichtsdestotrotz werden die närrischen Tage hier am Rhein kultiviert, und weil ich mich ja schon irgendwie integrationswillig zeigen will, mache ich meinen Sprösslingen zu liebe auch in diesem Jahr wieder bunte Mine zu fragwürdigem Spiel, sprich: Ich schminke mir ein grellbuntes Clownsgesicht und gehe mit den Kindern "zum Zoch". (Wobei das mit dem Clownsgesicht natürlich zum größten Teil reiner Selbstschutz ist: Schließlich will ich auf der Straße ja nicht gleich von jedermann erkannt werden.)  Apropos: Erkannt werden. Das ist auch so ein Punkt, der (nicht nur mich !) beim jecken Treiben verunsichert. Wenn ich da an die Karnevalsfeier im Kindergarten letzte Woche denke…  Meine beiden Söhne hatten beschlossen, in diesem Jahr als "Feuerwehrmänner" zu gehen, was eine ganz hervorragende Idee gewesen war, denn nicht nur, dass mit dieser Charakterwahl das Schminken entfiel und wir mit unseren Söhnen auch nicht über das politisch-unkorrekte Tragen von Schusswaffen diskutieren mussten – sie sprangen morgens, als der Wecker klingelte, auch in einem derart flotten Tempo in ihre Klamotten, dass jeder Brandmeister vor Neid erblasst wäre.  Zum Eklat kam es erst später, nämlich in dem Moment, als der Kleine im Kindergarten realisierte, dass auch alle übrigen Kinder – und sogar die Erzieherinnen – anders als üblich bekleidet erschienen waren. (Alle Jungen waren über Nacht zu wilden Piraten oder Rittern mutiert, die Mädchen zu Elfen oder Prinzessinnen, ganz in "Rosa".)  Auf diese Weise schon ziemlich verunsichert, betrat mein Jüngster nur zögernd die Betreuungseinrichtung, und nachdem ihm dann auch noch seine (als Hexe !) verkleidete Erzieherin fröhlich entgegen gelacht hatte, saß er binnen Sekunden auf meiner Hüfte und wollte nicht mehr mitfeiern. (Spontane Besinnung auf die mütterlichen Wurzeln, würde ich ja sagen.) Doch: "Ganz normale, frühkindliche Zurückhaltung!", behauptete die Erzieherin. - Soso !  Normalerweise eher unerschrocken, klammerte sich mein Filius plötzlich an meiner Jacke fest und war auch ansonsten ungewohnt wortkarg. Nur durch gutes Zureden meinerseits (und der Tatsache, dass er Frau S. dann einmal in die Furcht einflößende Gummi-Nase kneifen durfte) gelang es mir, den Kleinen überhaupt im Kindergarten zurückzulassen. So viel zum Thema: Kinderspaß im Karneval ! Heute aber ist nun Rosenmontag, und wir, d.h. meine Kinder, wollen unbedingt zum Zoch. Auch meine Tochter hat sich zur Feier des Tages in eine Elfe verwandelt (was sonst ?). Gehüllt in ein rosa Tüllkleidchen mit blumigem Glitzer-Shirt steht sie vor mir, geschmückt mit einer pinkfarbenen Blütenkrone. (Passt unbeschreiblich zu ihren feuerroten Haaren, aber ich ahne, dass eine diesbezügliche Typ-Beratung heute nicht gefragt ist und verkneife mir eine Anmerkung.) Ungeduldig unterbricht sie meine (zugegebenermaßen recht dilettantischen) Clownsgesicht-Schminkversuche mit den drängenden Worten: "Los, Mama, beeile Dich, sonst ist der Zug vorbei, ehe wir da sind!" Eben diese Hoffnung teile ich (bei allem Optimismus) zwar nicht, aber ich klappe dennoch das Schmink-Etui zusammen und mache mich mit den Kindern auf den Weg zur Hauptstraße. Hab ich es doch geahnt; hier tummeln sich bereits Hinz & Kunz und Müller & Meier am Straßenrand, bereit, den zu erwartenden Bonbon-Regen im Ernstfalle auch mit Krückstock und Regenschirm gegen sportlich-agile Mitstreiter zu verteidigen. Mir schwant nichts Gutes.  In diesem Moment taucht am Ende der Straße ein Polizeiwagen auf, der mit blinkendem Blaulicht den nahenden Zug ankündigt. Nun wird es ernst. Ich ermahne meine Kinder noch ein letztes mal, nicht auf die Fahrbahn zu laufen, "… denn keine Popcorntüte der Welt ist es wert, dass ihr mir unter die Räder kommt, verstanden ?"  "Ja", nicken die Kinder brav, und der Mittlere bemerkt treffend: "Weil, dann werden wir am Ende platt gefahren, und das wäre ja nun zu schade, wo wir doch für jedes Kind schon einen Pfannkuchen zum Abendbrot gekauft haben."  Sehr feinfühlig, mein Sohn. Ich meine, dass er Pfannkuchen sagt, und nicht Berliner. Schlimm genug, dass mein Lieblingsbäcker seit vorgestern ein großes Schild im Schaufenster hängen hat:  "Frische Berliner zum Reinbeißen, nur 90 Cent.  Berliner von gestern – zum halben Preis." Verletzend ist das. Und überhaupt: "Berliner" und "von gestern". Das ist ja man wohl ein Widerspruch in sich, möchte ich anmerken.  Der erste Wagen naht, und mit ihm die Erwartungshaltung der Auf-dem-Wagen-Sitzenden, dass wir alle augenblicklich in kollektive "Helau"-Hysterie ausbrechen. "Helau!" brüllt es dann auch schon vom Wagen herab, "Helau!" jubelt das niedere Volk, und als Dank prasselt uns eine Ladung Dauerlutscher auf die Köpfe. Binnen Sekunden bin ich das einzige aufrecht stehende Lebewesen im Umkreis von 30 Metern. (Den Labrador meiner Nachbarin Sabine nicht mitgezählt.) Alles wuselt, wuschelt und tuschelt um meine Beine herum.  "Helau!" brüllt die Menge, und weiße Schaum-Mäuse fliegen durch die Luft, nur knapp mein linkes Auge verfehlend. "Kinder, wo seid ihr ?!", rufe ich panisch, erblicke nur kurz das lachende Gesicht meiner Tochter, und schon folgt der nächste Schauer, diesmal: Schoko-Riegel. Alles stürzt zu Boden. Mir tritt der Schweiß auf die Stirn. Wenn jetzt bloß keines meiner Kinder vor den Traktor springt, nur um sich die "Extra-Portion-Milch" zu sichern!  "Helau!" Chipstüten finden ihren Weg in verkehrt herum gehaltene Regenschirme. Wie erfindungsreich. "Warum haben wir keinen Schürm mit ?", will mein Sohn wissen. "Weil es nicht regnet", knirsche ich durch die Zähne.  "Mensch, Mami, pass doch auf ! Du musst wirklich mal ein bisschen schneller reagieren, sonst kriegste am Ende nicht mal eine Tüte Gummibären!", ermahnt mich meine Tochter. Pah! Wenn ich Gummibären essen wollte, dann würde ich zum Supermarkt meines Vertrauens fahren und mir welche kaufen. Aber, ich sehe schon: Der Niederrhein hat meine Kinder bereits wider ihrer natürlichen Wurzeln und Werte geprägt. Da machste nix.  Glücklicherweise leben wir nicht in Köln. Und deshalb ist der hiesige Zug auch nicht ganz so lang. Nach einer knappen halben Stunde ist der Spuk vorbei. Ein Krankenwagen und ein Polizeiwagen (mit Blaulicht) bilden das Schlusslicht, dicht gefolgt von einem Räumfahrzeug der Stadtreinigung. Die Schaulustigen, die sich nicht dem Zug angeschlossen haben, wenden sich zum Gehen, und auch ich packe meine Kinder und mache mich auf den Heimweg. Schließlich warten Zuhause ja noch die Pfannkuchen auf uns.  Da fragt mich der Kleine auf dem Heimweg: "Weißt Du denn, Mami, was an Karneval so toll ist ?" "Nein", muss ich gestehen, insistiere dann aber neugierig: "Verrätst Du es mir?" "Na, das Beste am Zug, das sind die Blaulichter vom Polizeiwagen!", lacht der Kleine, und seine Augen strahlen glücklich.  Na toll! Da stehe ich mir bei Eiseskälte die Beine in den Bauch, riskiere Leib und Leben für eine Tüte Gummidrops – und das Beste sind am Ende die Blaulichter des Streifenwagens? Mir verschlägt es die Sprache, und ich bin fassungslos.  Denn, mal ganz ehrlich, Blaulichter und Streifenwagen, die haben wir am ersten Mai in Kreuzberg auch.  Woll!

FELICITAS RUPPRECHT

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