Dialog ist keine Einbahnstraße

Foto: Christoph Karl Banski
Was wir bereits wissen
Amar Azzoug ist Vorsitzender des Bunten Tisches in Moers. Seit Jahrzehnten setzt er sich für Zuwanderer ein. Wir sprachen mit ihm über die Ergebnisse

Moers.. Amar Azzoug, der Vorsitzende des Buntes Tisches, findet die Ergebnisse des Bürgerbarometers gut. Und das nicht nur, weil die Antworten gut ausgefallen sind, sondern weil sie Handlungsfelder aufzeigen. „Moers macht viel“, sagt Azzoug. Es gebe für eine Stadt dieser Größe in Moers zum Beispiel viele internationale Zentren. In Repelen, in Meerbeck, dann den Bunten Tisch, in der Matteck das Bürgerhaus. Man habe auch das Problemfeld „Senioren und Migration“ erkannt. Azzoug: „Aber es gibt noch sehr viel Handlungsbedarf.“

Bei Null anfangen

Zunächst müsse man hinterfragen, was die Befragten unter dem Begriff „Zusammenleben“ verstehen. Leben sie einfach nur friedlich nebeneinander her und stören sich schlichtweg nicht? Oder unternehmen sie tatsächlich etwas mit Menschen anderer Herkunft? „Einmal im Jahr ein Straßenfest zu feiern, ist nicht gleichbedeutend mit gutem Zusammenleben“, sagt der Vorsitzende und kritisiert, das sei der Stand der 70er, 80er Jahre. „Damals war das zeitgemäß. Wenn man nach 30 Jahren immer noch das gleiche macht, ist man stehengeblieben.“ Für den Vorsitzenden ist klar, dass die Pflege von Parallelwelten vermieden werden muss.

Repelen und Meerbeck seien typisch türkisch geprägt. Das hat für die Anwohner mit Migrationshintergrund Vorteile, prägt das Gemeinschaftsgefühl. Auf der anderen Seite sieht Azzoug die Gefahr einer Art Ghettobildung. Wer alles aus seiner Kultur in der Nähe hat, muss sich nicht öffnen. Aber es kommt eben darauf an, dass sich alle Menschen in der Gesellschaft öffnen. Azzoug: „Erst wenn ich den anderen kennenlerne, kann ich von Zusammenleben sprechen.“

Am Bunten Tisch laufen die Fäden für die Flüchtlingsarbeit zusammen. Eine Menge Arbeit liegt an. Und es sieht angesichts der weltpolitischen Lage nicht so aus, als ob es weniger wird. Es gibt gute Vorzeigeprojekte: Am Berufskolleg wurde eine Internationale Förderklasse eingerichtet. Zusammen mit der Kreishandwerkerschaft werden Flüchtlinge ausgebildet.

Azzoug ist sich sicher, dass die Aktionen in positiven Entwicklungen münden. Immerhin kann er auf 30 Jahre Migrationsarbeit zurückblicken. Er sagt: „Die Flüchtlinge haben viel weniger Integrationsprobleme als die Gruppen, die hier seit Jahrzehnten leben.“ Deren Community sei nicht so groß. Die Kinder lernten in der Schule unglaublich schnell. Es herrsche Dankbarkeit. Darüber, aus seinem Land entkommen zu sein und in Moers aufgenommen zu werden. Folglich sei der Wille da, das eigene Leben zu ändern. „Die haben alles verloren und müssen bei Null anfangen“, betont Azzoug.

Warum funktioniert das Zusammenleben von Kindern und Jugendlichen besser als bei Erwachsenen oder Menschen zwischen 60 und 70? Azzoug überlegt einen Moment. „Im Klassenverband zählen andere Werte.“ Später konkurriert man womöglich um einen Ausbildungsplatz. Vielleicht fühlen sich junge Migranten in der für viele schwierigen Lebenssituation nicht angenommen in dem Land, in dem sie leben? Alles möglich.

Auswertung im Herbst

Antworten auf diese und weitere Fragen erhofft sich Amar Azzoug durch die Auswertung der städtischen Studie, bei der im Frühjahr 4000 Moerser über das Zusammenleben von Deutschen und Menschen mit Migrationshintergrund befragt wurden. Es gab einen Rücklauf von 1500 Bögen. Mit der Auswertung rechnet der Vorsitzende des Bunten Tisches im Herbst.

Besonders junge Menschen finden das Zusammenleben gut

Wie beurteilen Sie das Zusammenleben von Zuwanderern aus verschiedenen Herkunftsländern in Moers? Auch das wollten wir beim Bürgerbarometer wissen. Interessantes Ergebnis: 35 Prozent der Befragten geben an, das Zusammenleben sei gut bis sehr gut, davon sagen elf Prozent, es funktioniere sehr gut. 29 Prozent finden das Zusammenleben zufriedenstellend. Das heißt: Unterm Strich sind 64 Prozent wenigstens zufrieden. Das ist eine Aussage.

Nur vier Prozent empfinden das Zusammenleben als sehr schlecht, zehn Prozent finden es schlecht. 23 Prozent wissen es nicht und machen keine Angabe. Besonders interessant werden die Ergebnisse, wenn man sie nach Altersgruppen betrachtet.

Die beste Bewertung empfängt das Thema bei den 14- bis 19-Jährigen. Mehr als 60 Prozent vergeben die Noten sehr gut und gut. Nimmt man noch die Zufriedenen hinzu, steigt der Anteil auf rund 80 Prozent. Dann folgt in der Gruppe der bis 29-Jährigen der rapide Abfall. Gerade mal 20 Prozent finden am Zusammenleben etwas Gutes oder sehr Gutes.

Immerhin gibt es noch eine große Gruppe derer, die nicht negativ antworten. Bei den 40- bis 59-Jährigen steigt die positive Bewertung wieder ein wenig an, bevor sie in der Gruppe der 60- bis 69-Jährigen wieder sinkt. Die Über-70-Jährigen stehen dem Thema Zusammenleben wieder etwas positiver gegenüber. Bezogen auf die Geschlechter ergeben sich nur marginale Unterschiede: Frauen und Männer äußern sich ähnlich.

Unterschiede in den Stadtteilen

Dagegen ist ein Blick auf die geografische Verteilung durchaus interessant. So sind die Befragten aus Moers-Mitte am ehesten der Meinung, dass das Zusammenleben gut funktioniert, während die Bewertungen aus den östlichen Stadtteilen am schlechtesten sind.

Allerdings liegt das nicht daran, dass die Menschen hier besonders oft sagen, das Zusammenleben funktioniere sehr schlecht. Vielmehr sagen sie seltener, es sei sehr gut. In den nördlichen Stadtteilen haben die Befragten überwiegend geantwortet, sie seien zufrieden, ohne groß in die eine oder andere Richtung auszuscheren.