Der lebensgefährliche Weg aus Syrien nach Deutschland

Der Bunte Tisch Moers e.V. hilft Mohammed Al Kassab.
Der Bunte Tisch Moers e.V. hilft Mohammed Al Kassab.
Foto: Ulla Michels / Funke Foto Service
Was wir bereits wissen
Mohammed Al Kassab gelang es, Syrien zu verlassen. Im Gespräch erzählt der 40-Jährige, wie es ihm erging, von seiner Angst, den Mühen und Strapazen.

Moers/Aleppo.. Mohammed Al Kassab ist ein Flüchtling. Einer, der sein Land verließ in der Gewissheit, dass er bei der Flucht umkommen könnte, aber dennoch keine andere Möglichkeit sah. Mohammed Al Kassab, Dozent für Arabisch an der Universität in Aleppo, lebt jetzt in einer Moerser Flüchtlingsunterkunft. Einen Vormittag lang erzählte er der Redaktion die Geschichte seiner Flucht.

Aleppo, das war einst eine wunderschöne Stadt. „An der Uni war auch ein Französisch-Professor, der überlegte, nach Aleppo zu ziehen.“ Der 40-jährige Mohammed Al Kassab erinnert sich, dass sein Kollege sieben Sprachen fließend sprach – einst war Aleppo Anziehungspunkt für hochqualifizierte Akademiker.

Als der Krieg nach Syrien kam

Syrien Doch dann kam der Krieg nach Syrien: „Jeder kämpfte schließlich gegen jeden, überall waren Scharfschützen. Mir ist der Verstand stehen geblieben, als ich realisiert habe, wie unsicher ich lebe.“ Er, der er sich nie hatte vorstellen können, Syrien zu verlassen, entschloss sich zur Flucht: „Es gibt hier keinen Frieden mehr.“ Sich für eine Seite – Assad-Gegner oder -Befürworter – zu entscheiden, sei keine Alternative gewesen: „Von beiden Seiten drohte der Tod.“

Mohammed Al Kassab machte eine Rechnung auf: „Es bestand eine zehnprozentige Wahrscheinlichkeit, bei der Flucht zu ertrinken, aber die Wahrscheinlichkeit, erschossen zu werden, lag bei 50 Prozent – und du stirbst jeden Tag 100 Tode, wenn du bleibst.“

"Ich wusste nicht, ob ich die Flucht überlebe"

Er kratzte alles Geld zusammen und machte sich mit einem Freund auf den Weg, fort aus Aleppo in ein Gebiet, das von der Opposition kontrolliert wird. Für eine Strecke, für die er mit dem Auto sonst 15 Minuten benötigte, brauchte er acht Stunden: „Das ist moderne Wegelagerei, an jeder Straßensperre verlangen sie Tribut.“ Nur durch pures Glück ergatterten sie noch Plätze in einem überfüllten Bus in Richtung der türkischen Grenze; mit den dortigen Behörden gab es keine Probleme. „In Istanbul leben meine Mutter und zwei meiner Brüder. Ich wollte mich verabschieden und mir ihren Segen holen, denn ich wusste nicht, ob ich die Flucht überlebe.“

Dann weiter nach Izmir, von wo aus es mit einem Boot weiter nach Griechenland gehen sollte. Einen „Menschenhändler“ zu finden, war kein Problem. „Du kommst dir wie Ware vor – aber ich bin ihm dankbar, denn er hat uns geholfen.“ Durchschnittlich 1200 Euro kassiert der Schleuser. „Es ist alles durchorganisiert, eine Wirtschaft für sich. Es gibt ein schwarzes Bankensystem, das auch funktioniert.“ Eine Frau aus Sri Lanka managte diesen Teil der Fluchtroute; 50 Menschen wurden in einen Kühlwagen gepfercht. „Eine grausame Fahrt.“ Am Strand erwartete die Flüchtlinge ein Rettungs-Gummiboot – und eine schlimme Überraschung.

Chaos bei der Flucht auf dem Mittelmeer

Denn einen Bootsführer gab’s nicht. Ein junger Palästinenser sagte schließlich: „Okay, ich mach’s“, und erhielt von den Schleusern einen Crashkurs in Bootsführung. Auf dem Mittelmeer herrschte absolutes Chaos: „Jeder wollte was zu sagen haben. Ich entschied mich, das Kommando zu übernehmen.“

Mohammed Al Kassab wollte überleben, wollte nach Europa. „Einer machte auf dem Boot Theater, ich schlug ihn mit einer Eisenstange.“ Der Mann am Ruder hielt auf ein Licht zu, bis man bemerkte, dass das Licht sich bewegte: Sie steuerten einem Schiff hinterher. Dann, plötzlich, lag das Rettungsboot in einem Lichtkegel eines Polizeischiffs.

Flüchtlinge versuchten ihr Boot im Mittelmeer zu versenken

Wie es die Schleuser geraten hatten, versuchten die Flüchtlinge, ihr Boot zu versenken. Männer in Marineuniformen und Skimasken fragten, ob Kinder an Bord seien – und dann fuhr das Schiff weiter. „Alle haben geschrien, unser Boot sackte immer mehr ab.“ Panik, Streit, Verzweiflung – der 40-jährige Mohammed Al Kassab kletterte mit sieben anderen über Bord, und sie versuchten schwimmend, das sinkende Boot in Richtung Land zu schieben.

„Aber es war aussichtslos.“ Während Mohammed Al Kassab sich von außen ans Boot klammerte, versuchten die Insassen vergeblich, mit ihren Handys Hilfe herbei zu telefonieren. Dann, zwei entsetzliche Stunden später, nahm ein türkisches Schiff die Schiffbrüchigen auf und brachte sie zurück. Zwei Tage danach – erneut mussten sie den Schleuser bezahlen – saßen der Dozent und sein Freund wieder in einem Boot voller Flüchtlinge aus Syrien. Und wieder fuhr die Angst mit: „Alle fingen an zu beten.“ Doch diesmal hatten sie Glück, denn der einzige Ägypter an Bord kannte sich mit Booten aus und steuerte es zur griechischen Insel Kos.

„Deutschland ist eine Demokratie, dort gibt es Sicherheit“

Flüchtlinge Es folgten vier Tage in einer Polizeistation, zusammen mit Hunderten anderer Flüchtlinge, alle ohne Decken auf dem nackten Boden schlafend; UN-Mitarbeiter versorgten sie mit dem Nötigsten. Von Kos aus ging es dann nach Athen, wo sich Mohammed Al Kassab und sein Freund eine kleine Wohnung mieteten. Der Dozent wollte allerdings nicht bleiben: „Deutschland ist eine Demokratie, dort gibt es Sicherheit.“ Doch aus Athen kamen sie nicht weg: „Wir haben zwei Monate versucht, aus Griechenland rauszukommen.“

Es leben, so der 40-Jährige, Syrer seit Jahren in Griechenland, ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Perspektive. Mohammed Al Kassab, der Mann, der aus Syrien floh, um in einer Demokratie zu leben, schloss sich einer friedlichen Demonstration vor dem griechischen Parlament an: „Ich sah keine andere Lösung. Es gab Gespräche mit Abgeordneten die sagten, sie würden sich in der Sache keinen Schritt bewegen.“

Über Wien nach Hamburg und bis nach Moers

Nach zwei Tagen vor dem Parlament geschah dann ein kleines Wunder: Mohammed Al Kassab schaffte es mit der Hilfe von Schleppern in ein Flugzeug nach Wien und von dort nach Hamburg: „3000 Euro hat es gekostet.“ Von dort ging es weiter im Zug nach Dortmund, von Dortmund zur Anlaufstelle nach Unna-Massen, dann für zwei Wochen nach Wickede, und schließlich nach Moers.

Mohammed Al Kassab größter Wunsch ist es, sich hier ein neues Leben aufzubauen, hier vielleicht seinen Traum von einer Promotion zu verwirklichen. Beim „Bunten Tisch“ in Scherpenberg, bei Amar Azzoug, Hayat Ketfi und all den anderen, hat er eine Anlaufstelle, hat er Verständnis und Hilfe gefunden.

An dem Tag, als Marinesoldaten ihn und die anderen Flüchtlinge auf dem sinkenden Boot ihrem Schicksal überließen, sagten einige, es seien deutsche Marinesoldaten gewesen. Doch nach all seinen Erfahrungen in Deutschland sagt Mohammed Al Kassab: „Das glaube ich nicht.“ Denn hier ist er in Sicherheit, lebt er endlich in einer Demokratie. „Mein Schlüsselerlebnis war die Demonstration in Griechenland, als die Syrer ihre Menschenrechte einforderten.“