Das Moers-Festival zieht 2014 vom Zirkuszelt in eine Festivalhalle um

Aus der Tennis- wurde eine Theater- und wird jetzt eine Festivalhalle.
Aus der Tennis- wurde eine Theater- und wird jetzt eine Festivalhalle.
Foto: Volker Herold
Das Moers Festival zieht 2014 vom blauen Zirkuszelt in die Festivalhalle um. Der künstlerische Leiter, Reiner Michalke, blickt optimistisch in die Zukunft und sieht den Umzug als Chance, das Festival neu erfinden zu können. Die Organisatoren wollen alles daran setzen, wieder ein viertägiges Programm anbieten zu können.

Moers.. Das Moers Festival zieht im kommenden Jahr um. Das blaue Zirkuszelt im Freizeitpark als Veranstaltungsort ist Geschichte. 2014 geht das Moers Festival rein, rein in die Festivalhalle, die früher mal eine Tennishalle war und zwischenzeitlich schon vom Schlosstheater genutzt wurde. Der künstlerische Leiter des Moers Festivals, Reiner Michalke, blickt optimistisch auf das nächste Festival.

Herr Michalke, im nächsten Jahr steht für das Festival der Umzug in die Halle an. In diesem Zusammenhang haben Sie für sich als künstlerischer Leiter immer eher die Chancen als die Risiken gesehen. Welche Chance werden Sie wahrnehmen?

Michalke: Tatsächlich besteht mit dem Umzug an den neuen Standort die schon fast historische Chance, das Festival neu erfinden zu können. Nicht was die Inhalte betrifft – da ist das Festival seit seiner Gründung gut aufgestellt – sondern was die Spielstätte, die Produktionsbedingungen und das ganze Drumherum betrifft. Es hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein immer krasser werdendes Ungleichgewicht zwischen den Ausgaben für die Spielstätte und den Ausgaben für das Programm entwickelt.

So sind die Kosten für die Bewachung des Geländes jedes Jahr so gestiegen, dass wir die Ausgaben für das Programm entsprechend kürzen mussten. Hier musste etwas passieren. Und jetzt kann es tatsächlich so kommen, dass die radikale Kürzung des städtischen Zuschusses dem Festival eine bessere Zukunft beschert. Dennoch bleibe ich dabei, dass die Kürzung in dieser Höhe – es sind ja im nächsten Jahr schon weit über 50 Prozent, die wir weniger zur Verfügung haben – zu hoch ist und das Festival nur durch den Umzug in eine feste Spielstätte gerettet werden konnte. Und das auch nur, weil uns Land und Bund kraftvoll bei der Finanzierung unterstützen.

Gibt es nur diese Chance, die des Geld Sparens?

Michalke: Um ihre Frage auch in künstlerischer Hinsicht zu beantworten: Die Festivalhalle bietet mir als Programmmacher mehr Möglichkeiten und dem Publikum deutlich mehr Komfort. Es beginnt bei der Akustik, die in einem Zeltbau immer sehr problematisch ist, und die wir in der neuen Festivalhalle nach unseren Vorstellungen gestalten können. Es geht weiter über die Positionierung der Eingänge weit entfernt von der Bühne und der Gestaltung der Laufwege des Publikums während der Konzerte, bis hin zu optimalen Sichtachsen von allen Sitzplätzen auf das Bühnengeschehen. Solche Bedingungen gestatten mir, zum Beispiel auch sehr leise Programmpunkte aufzunehmen, die im Zelt akustisch untergegangen wären.

Selbstverständlich wird sich die Atmosphäre verändern und es werden nicht mehr alle Zuschauer Platz finden können. Man kann nicht alles haben. Aber wir werden alles dafür tun, dass die neue Atmosphäre dem Geist des Moers Festival entspricht.

Reden wir über einen Problemfall – den sparbedingten Wegfall des vierten Tages. Der Pfingstmontag mit seinem Sparten-Spagatprogramm hat sich nicht wirklich als Kassenschlager entpuppt – auch Anke Engelke und Fred Kellner konnten das Zelt im letzten Jahr nicht voll machen. Was ist mit der Option, den Tag wieder zum „ordentlichen“ Festivaltag zu machen?

Michalke: Ja, es ist richtig, wir haben uns mit dem „vierten Tag“ schwer getan. Wir haben versucht, einen inhaltlichen Kompromiss zwischen den eigentlichen Inhalten des Festivals und den vermeintlichen Bedürfnissen eines regionalen Publikums zu finden. Tatsächlich hat sich bestätigt, dass Moers Festival und der Begriff „Kompromiss“ nicht zusammenpassen. Wer zu diesem Festival kommt – egal ob aus der Region oder aus dem Ausland – will die Wahrheit erfahren, er will das „echte“ Erlebnis und nicht eine hübsch verpackte Light-Version des Festivals. In diesem Sinne haben Uli Greb und ich gestern unserem Aufsichtsrat vorgeschlagen, wieder ein viertägiges Moers Festival zu machen.

Gibt es für Sie andere Planspiele? Etwa das Festival generell auf drei Tage zu beschränken? Das Argument „teure Infrastruktur, die sich rechnen muss“ gibt es ja jetzt nicht mehr…

Michalke: Natürlich steht das mit den vier Tagen noch unter Finanzierungsvorbehalt. Wie gesagt, die Kürzung des städtischen Zuschusses hat ein erhebliches Loch in die Festivalfinanzierung gerissen. Aber wir werden alles daran setzen und sind zuversichtlich, wieder ein viertägiges Festival anbieten zu können.

Direkt nach dem letzten Festival wurde viel um das künftige Drumherum, sprich den Händlermarkt, geredet. Das ist als künstlerischer Leiter zwar nicht ihr Terrain, aber eine Meinung, wie das Festival-Drumherum aussehen soll, haben Sie doch bestimmt…

Michalke: Das stimmt! Auch was das Drumherum, also Händlermarkt, Gastronomie, Campen für Zelte und Wohnmobile betrifft, haben Uli Greb und ich gestern dem Aufsichtsrat einen Sachstandsbericht mit unseren bisherigen Überlegungen vorgelegt. Wir wollen das gesamte Geschehen zwischen neuer Festivalhalle und Solimare verdichten. Dazu gehört, den Händlermarkt und die Gastronomie quantitativ zu reduzieren und qualitativ aufzuwerten, eine von allen Anbietern gemeinsam nutzbare und öffentlich zugängliche Fläche von hoher Verweilqualität einzurichten, eine Art Piazza, und das Campen sowohl für die Wohnmobile als auch für die Zelter in unmittelbarer Nähe zur Festivalhalle zu organisieren.
Bevor wir damit allerdings konkret an die Öffentlichkeit gehen, wollen wir zuerst mit Feuerwehr, den Genehmigungsbehörden und Enni das Gespräch suchen. Schließlich sind hier zahlreiche Aspekte zu berücksichtigen, die beispielsweise auch die Sicherheit auf dem Gelände betreffen.

Verraten Sie uns wenigstens einen Künstler, der zur Hallenpremiere kommt?

Michalke: Sie wissen ja, dass ich immer vermeiden möchte, dass das Programm des Festivals scheibchenweise an die Öffentlichkeit gerät. Deshalb bin ich mit der Nennung von einzelnen Namen immer sehr zurückhaltend. Ich kann Ihnen aber berichten, dass Ingrid Laubrocks Stück „Vogelfrei”, dass sie im vergangenen Jahr während ihres Aufenthalts als Improviser in Residence in Moers geschrieben hat, vor Kurzem mit großem Orchester und Chor in New York uraufgeführt worden ist. Das Stück hat mir so gut gefallen hat, dass wir jetzt überlegen, dieses Stück beim kommenden Moers Festival zu zeigen.