Das Leben auf den Kopf gestellt
19.09.2008 | 19:39 Uhr 2008-09-19T19:39:26+0200THEATER. Mit Kleists "Käthchen von Heilbronn" will das Schlosstheater Welt und Gesellschaft auf den Grund gehen.
MOERS. "Das ist das Käthchen von Heilbronn; das Käthchen von Heilbronn, ihr Herren, als ob der Himmel von Schwaben sie erzeugt, und von seinem Kuss geschwängert, die Stadt, die unter ihm liegt, sie geboren hätte..." Dieser Satz allein könnte belegen, warum die Hauptfigur des Kleist'schen Theaterstücks zu allerlei romantisierend-kitschiger Volkstümelei geführt hat, die sich nicht zuletzt in einem unhistorischen "Käthchen-Haus" oder einem "Käthchen"-Brunnen in der schwäbischen Stadt niedergeschlagen hat. Was wirklich im Käthchen steckt, dem will das Schlosstheater in seiner ersten Produktion der Spielzeit näher kommen. Premiere ist am 27. September im Schloss.
"Das Käthchen ist ein Virus"
"Das Käthchen von Heilbronn ist ein Virus", sagt Fabian Lettow, Dramaturg der Bühne. Als solche zersetze sie die klaren Grenzziehungen zwischen Oben und Unten, zwischen Wirklichkeit und Schein, zwischen den Geschlechtern.
Kleist hatte 1808 eine fiktive mittelalterliche Märchen- und Ritterwelt entworfen, in der jener Umbruch widergespiegelt wird, der seine eigene Zeit nach der französischen Revolution erschüttert und geprägt hatte. Ein Adliger, Graf Wetter vom Strahl, und ein bürgerliches Mädchen, eben jene Katharina, das "Käthchen", träumen sich gegenseitig als Idealpartner für's Leben. Der Rittersmann allerdings begegnet zunächst einer raffiniert-intriganten Dame von Stand, die zur Gegenspielerin der jungen Frau wird, welche unbeirrt danach strebt, den Grafen "zu bekommen".
"Kopfüber" ist das Leitmotiv für die kommende Spielzeit des Theaters, und im "Käthchen von Heilbronn" findet sich das Bild ganz exemplarisch wieder. Käthchen stürzt tatsächlich aus einem Fenster, und auch das "Auf-den-Kopf-Stellen" der gesellschaftlichen Ordnung sowie die Hinwendung zu einer anderen Wirklichkeit passen dazu.
"Es war unser Wunsch, wieder einmal einen klassischen Stoff zu erarbeiten," sagt Intendant Ulrich Greb, der diese Aufführung inszeniert. Dabei müssen natürlich angesichts der Ensemblegröße manche der handelnden Personen von der Bühne verschwinden - die Zahl der Ritter in diesem Stück wird auf zwei eingedampft, und es schadet ganz und gar nicht.
Wie in einem fernen Spiegel
Wichtiger sind Greb die Spiegelungen und Verschiebungen, die sich im Laufe der Handlung auftun und Blicke auf die Welt - auch die heutige - ermöglichen. Wie in einem fernen Spiegel hatte sich Kleist der mittelalterlichen Welt bedient, und ebenso will sich das Schlosstheater des 19. Jahrhunderts als "fernem Spiegel" bedienen, um unsere Gegenwart zu beleuchten.
Kleist hat eine Tragödie und eine Komödie in einem geschrieben. "Wir wollen beide Elemente ziemlich drastisch zeigen", meint Ulrich Greb.
DIE INSZENIERUNG"Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe", Heinrich von Kleist.
Inszenierung: Ulrich Greb; Bühne: Birgit Angele; Kostüme: Elisabeth Strauß; Darsteller: Käthchen - Kinga Prytula, Kunigunde - Magdalene Artelt, Gottschalk - Angelika Baumgartner, Graf Wetter - Holger Stolz, Käthchens Vater - Frank Wickermann, Ritter - Patrick Dollas, Philip Grüneberg.
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