„Dann kann Moers Teamgeist beweisen“
27.08.2010 | 17:42 Uhr 2010-08-27T17:42:00+0200
Neukirchen-Vluyn.Bürgermeister Harald Lenßen über Sportanlagen, Zusammenarbeit mit anderen Städten, Wirtschaftsförderung und Hochschule.
Harald Lenßen ist das Küken unter den wir4-Bürgermeistern. Nicht nur rein biologisch wegen seiner mittlerweile 49 Jahre, eher aufgrund der bislang überschaubaren Amtszeit. Aber es gibt schlechtere Optionen als einen erfahrenen Finanzwirtschafter auf der Kommandobrücke zu haben. Man muss natürlich kein Ex-Bänker sein, um den Kurs des Schiffes auszurechnen. Im nächsten Jahr dürfte die Ausgleichsrücklage für den jetzt schon mit sechs Millionen Defizit belasteten Haushalt aufgezehrt sein. Der nächste Hafen heißt Nothaushalt. Wie die Zukunft, auch im Hinblick auf wir4, aussehen muss, sagt Lenßen im NRZ-Interview.
Herr Lenßen, sind Sie noch in der Lehre? Kürzlich gab’s die ersten heftigen Prügel als Bürgermeister, als sie im Alleingang einen Bürgerantrag abgeschmettert haben.
Zunächst mal: Jeder lernt, immer. Formal stehe ich nach wie vor dazu, aber es stimmt: Ich würde es heute sicher anders machen.
Und der Kombi-Bau? Hat sich die Stadt im Hinblick auf die Haushaltslage mit dem dem Zehn-Millionen-Projekt übernommen?
Nein. Die Gesamtkosten werden deutlich niedriger sein. Neben der zwingenden Notwendigkeit, allein schon wegen des Brandschutzbedarfsplanes, muss unsere Feuerwehr ordentlich arbeiten können. Wir haben über Jahre immer geknausert und der Baubetriebshof benötigt auch effizientere Strukturen und bessere Arbeitsbedingungen. Der zweite Standort wird dann als Lager benötigt.
Investitionen tun in vielen Bereichen Not. Vor der Wahl war die Sportentwicklungsplanung ein großes Thema.
Das ist immer noch so. Aber es hängt auch von den Vereinen ab. Von Fusionen will ich gar nicht sprechen. Kooperationen umzusetzen, ist schwer genug. Eine zentrale Sportanlage wird es jedenfalls in Absprache mit den Vereinen in den nächsten zehn Jahren nicht geben.
Der Fußball boomt, die Anlagen auf der Sittermannstraße und am Klingerhuf sind sanierungsbedürftig.
Stimmt. Es muss aus der Politik Zusagen für Investitionen geben, damit zumindest moderne Kleinspielfelder die Situation vor Ort entspannen. Zustimmung ist ja bereits signalisiert.
Und die mangelhaften Hallenkapazitäten?
Die sind ein Problem. Die Mentorstraße fällt weg und die Frage ist, was mit der Diesterwegschule passiert. Es gibt unter anderem Überlegungen, ehemalige Klassenräume umzugestalten und für bestimmte Sportarten nutzbar zu machen.
Die Sauna ist nun erstmal wieder nutzbar. Gut, dass die Zahlen des Kämmerers nochmal überprüft wurden, oder?
Naja, die Zahlen waren ja nicht falsch, sondern lediglich die Sichtweise. Es kommt schon darauf an, welche Posten ich noch hineinrechne. Ob die Sauna überleben kann, hängt von der Energiepreisentwicklung und nicht zuletzt vom Moerser Bäderkonzept ab.
Sie meinen das ehemalige Prestige-Projekt Solimare 2.0 mit großem Wellnessbereich. Dafür scheint jetzt kein Geld mehr da zu sein. Inwiefern beeinflusst Moers Ihre Stadt?
Vieles wird gemeinsam angepackt, anderes könnte, gerade im Rahmen von wir4, deutlich besser sein.
Was zum Beispiel?
Erstens das angesprochene Bäderkonzept und zweitens Genend. Es gibt zu wenig Neuansiedlungen, Genend muss intensiver durch die wir4-Wirtschaftsförderung vermarktet werden. Schließlich zahlen wir jedes Jahr etliche 100 000 Euro in die Kasse.
Was ist mit interkommunaler Zusammenarbeit unter den Partnern? Der Moerser Bürgermeister Ballhaus denkt sogar schon über wir4 hinaus und spricht von regionalen Bündnissen, Kollege Landscheidt aus Kamp-Lintfort bleibt da eher skeptisch.
Natürlich müssen die Kommunen künftig noch effektiver ihre Kräfte bündeln. Wir haben längst begonnen. Mit dem Baubetriebshof Moers etwa, demnächst sollen deren städtische Betriebe auch unsere Straßenreinigung übernehmen. Wir nutzen Moerser Werkstätten, lassen unser Freizeitbad betreiben. Bald firmiert ja alles unter Enni, was es für mich als Neukirchen-Vluyner, der auch einen Anteil am Energieversorger hat, leichter macht. Wir haben auch überlegt, ob wir die Entsorgung selbst übernehmen, aber das ist für Neukirchen-Vluyn nicht finanzierbar.
Sie meinen, da ist der derzeitige private Anbieter günstiger als Enni?
Genau.
Warum arbeiten Sie so eng mit Moers zusammen und Kamp-Lintfort nicht? Haben sich die Geschwister unterschiedlich doll lieb?
Christoph Landscheidt hat Kamp-Lintfort sehr gut entwickelt, auf seinem eigenen Weg. Fest steht, dass wir langfristig Projekte haben müssen, die wir alle gemeinsam anpacken. Fest steht auch, dass Kamp-Lintfort irgendwann neidvoll auf das Projekt Enni blicken wird. Das ist ja eine Erfolgsgeschichte.
Eine solche Kooperation könnte bei der Vermarktung der Kohlebrachen Sinn machen.
Richtig. Aber zuerst sind wir dran. Auf Niederberg rollen im Frühjahr die ersten Bagger, dann wird der Nordbereich zu Wohnquartieren umgewandelt. Von 21 Parzellen sind bereits 18 reserviert. Im Südteil Gewerbeflächen teilweise erschlossen. Ein Interessent braucht 3000 Quadratmeter an der Fritz-Baum-Allee, ein Unternehmen aus Neukirchen-Vluyn will zwischen 10 000 und 19 000 Quadratmeter reservieren. Es läuft an, und Kamp-Lintfort kann frühestens 2014 erste Flächen zur Verfügung stellen.
Also Vorteil Neukirchen-Vluyn?
Ja, und das ist gerecht. Niederberg wurde schon vor neun Jahren geschlossen und Kamp-Lintfort ist dafür Hochschulstandort. Ein halber. Es war ein großer Fehler der schwarz-gelben Landesregierung, Kleve zu berücksichtigen. Dort ist kein Rückzugsgebiet. Aber Lintfort hat gute Anmeldezahlen, ist mindestens genauso gefragt wie Kleve. Davon profitieren wir auch. Wir haben Wohnungsangebote und Wohnbauflächen, nicht zuletzt durch Niederberg. Vielleicht können wir auch Studentenwohnungen anbieten, das würde frischen Wind bringen.
Ein wenig Rückenwind kann offenbar auch der wir4-Gedanke gebrauchen.
Wir sind in engen Gesprächen und schauen nach vorn. Zum Beispiel auf die Niederrheinbahn, den Schienenanschluss von Neukirchen-Vluyn und Kamp-Lintfort. Wenn er jetzt nicht kommt, dann kommt er nie.
Aber was konkret hätten Moers oder Rheinberg davon? Beide liegen bereits am Schienennetz.
Die profitieren langfristig auch, zunächst nur geringfügig. Aber wir müssen auch hier zusammenarbeiten. Vor allem Moers kann seinen wir4-Teamgeist beweisen.
Muss Neukirchen-Vluyn sich nicht auch in andere Richtungen orientieren?
Tun wir. Nehmen wir zum Beispiel unseren VHS-Verbund mit Krefeld. Als Folgenutzung der Diesterwegschule könnte bald ein gemeinsames Qualifizierungszentrum entstehen.
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