Big Brother im Spiegel

Schlosstheater Moers: Inszenierung "1984" von George Orwell
Schlosstheater Moers: Inszenierung "1984" von George Orwell
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Beklemmend intensive Premiere von George Orwells „1984“ im Schlosstheater.Ein Theatererlebnis, das nicht so leicht abzuschütteln ist

Moers..  Am bitteren Ende steht Protagonist Winston Smith wie zu Beginn vor der Spiegelwand und nimmt seine Tanzhaltung ein: „Quick, quick, slow, slow“, zählt sich der Gebrochene wieder in den Takt. Selbst ein Märtyrer darf er nicht sein, damit sich die Macht erhalten kann. Eine intensive und packende Inszenierung von George Orwells „1984“ erlebten die Premierenzuschauer am Samstagabend im Schlosstheater. Ein Theatererlebnis, das sich nicht so einfach abschütteln lässt.

Subtil setzt Ulrich Greb mit Bühnenbildnerin Birgit Angele in seiner Inszenierung die Vision des Orwell’schen Überwachungsstaates um. Er verzichtet gänzlich auf Kameras, stattdessen agiert das Ensemble vor einer Spiegelwand. Permanent beobachtet und kontrolliert hier jeder sich selbst und die anderen, heißt es doch als Turniertänzer immer im Takt zu bleiben, bloß nicht zu stolpern. Über allem lauert beklemmend spürbar die ständige Angst, nicht mehr zu funktionieren und aussortiert zu werden. Selbst Pausen werden dazu genutzt, die Wildledersohle unter den Tanzschuhen aufzurauhen, um auf dem glatten Parkett nicht wegzurutschen.

Der große Bruder schaut dabei immer zu – vielleicht hinter dem Spiegel, vielleicht als Tanzpartner, vielleicht als Theatergast oder vielleicht als vermeintlicher Freund in einem System, das Liebe nicht zulässt – es sei denn jene unbedingte zum großen Bruder. Umspült von seichter Tanzmusik, streng in schwarz gekleidet und mit Schildern auf dem Rücken, die an Häftlingsnummern erinnern, tanzen die Ozeanier unaufhörlich für den Machterhalt. Dass Kostüme, Maske und Musik den spröden Charme der 1950er Jahre versprühen, macht die Inszenierung paradoxerweise zeitloser.

Dazu passt, dass Winston (großartig: Patrick Dollas), als er mit seiner Beziehung zu Julia auf die Kraft der Liebe setzt, sich gemeinsam mit ihr die Tanzuniform vom Leib reißt. Eine grandiose Nacktszene, deren befreiende Albernheit man nur zu gerne genießen würde. Aber der Zuschauer weiß ja, wie es endet. Und bevor auf der Bühne mit Vorschlaghammer und Kneifzange erschreckend kunstvoll gefoltert wird, erfahren Winston und Julia noch eine Folter der besonderen Art: Mit einer live gesungenen Version von „Jenseits von Eden“ garniert Marissa Möller als Ampleforth den Verrat mit süßem Drafi Deutscher-Schlagerzucker.

Wie nach der Lektüre des Romans bleibt am Ende der Inszenierung nicht nur für Protagonist Winston, sondern auch für die Zuschauer die bereits bekannte beängstigende Ratlosigkeit: „Das Wie verstehe ich, aber nicht das Warum.“ Folterknecht O’Brien formuliert es so: „Macht ist Macht, Folter ist Folter.“

Die Inszenierung von George Orwells „1984“ ist in den nächsten Wochen am Mittwoch, 11. Februar, Samstag, 21. Februar und am Freitag, 27. Februar, jeweils um 19.30 Uhr im Schloss zu sehen. Karten gibt es telefonisch unter 02841/88 34 110 oder im Internet: www.schlosstheater-moers.de