Annemarie König: „Moers ist meine Heimat“

Moers..  Der Schlaganfall kam ohne Vorankündigung. Als Annemarie König (80), die ihre Kindheit und Jugend in Moers verbrachte, an einem Nachmittag im März 2011 etwas aus der Hand fällt, ahnt sie noch nicht, wie sehr das, was jetzt kommt, ihr Leben verändern wird – so sehr verändern, dass sie am Ende ein Buch schreiben wird.

„Ich bin dann gefallen und habe 13 Stunden allein in meiner Wohnung gelegen. Das Handy war nur fünf Meter entfernt, aber ich konnte es nicht erreichen“, berichtet Annemarie König von den wohl dramatischsten Stunden ihres Lebens. Schließlich hört ein Nachbar ihre Rufe. Im Krankenhaus bekommt sie dann Unterstützung von allen Seiten. Geholfen, das sagt sie heute im Rückblick, habe ihr zum Beispiel eine Video-Botschaft von Heino, Florian Silbereisen und den Flippers. Ihr Sohn Volker Rosin, ein bekannter Kinderliedermacher, war gerade mit den Stars unterwegs und kam auf die Idee, Genesungswünsche zu übermitteln.

Annemarie König meistert auch diese schwierige Situation souverän. Auch die Musik ihres Bruders Helmut, der heute noch mit seiner Familie in Moers wohnt, gibt ihr immer wieder neuen Lebensmut. Doch die Zeit nach dem Schlaganfall ist nicht einfach. Sie muss sich daran gewöhnen, den Rollstuhl zu nutzen und auch sonst ändert sich ihr Leben in vielen Bereichen. Zusammen mit ihrer Tochter Marion Prasuhn kommt sie schließlich auf die Idee, ihr durchaus wechselvolles Leben aufzuschreiben. Ein neues Ziel, eine neue Aufgabe: Das braucht Annemarie König jetzt. Über eineinhalb Jahre schildert sie ihrer Tochter immer wieder die Erinnerungen an ihr Leben. Marion Prasuhn hört zu, bringt die Schilderungen in eine zeitliche Reihenfolge, sichtet die Bilder und schreibt.

Jetzt liegt das Buch vor, der Titel: „Das soll mir erst mal einer nachmachen! Erinnerungen an ein ungewöhnliches Leben“. So ungewöhnlich, wie das Buch entstanden ist, so ungewöhnlich ist eben auch das Leben der Annemarie König verlaufen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Moers. „Die Stadt hat mich geprägt, Moers ist meine Heimat“, sagt Annemarie König im Gespräch mit der Redaktion. Im Buch heißt es: „Meine älteste Erinnerung an meine Kindheit geht zurück in das Jahr 1936, als ich mit meiner Oma in Meerbeck im Konsum einkaufen ging.“ Ihre Mutter Else hat ihre fünf Kinder, Waltraud, die Zwillinge Helmut und Friedhelm, Büb und eben Annemarie allein erzogen, eine kleine Wohnung in einem großen Mehrfamilienhaus in der Rheinhausener Straße war das Zuhause. Hier in Moers erlebt sie auch die schweren Kriegszeiten. Das ändert sich im April 1953, wie Annemarie König in ihrem Buch schreibt: „Friedhelm und Helmut haben dann mit 14 Jahren schon angefangen, unter Tage zu arbeiten, weil sie damit wenigstens Geld verdienen und es meiner Mutter als Unterstützung geben konnten. Immerhin war es ein Vorteil, dass wir dadurch eine neue Zechenwohnung in Meerbeck, Oedenburger Straße 21, zugeteilt bekamen. Diese Wohnung war größer und vor allem hatte sie ein eigenes Bad mit Sitzbadewanne und Toilette.“

Im selben Jahr heiratet sie Heinz Rosin, den Vater ihrer Kinder Marion und Volker. Eigentlich müsste es heißen: sie heiratet Heinz Rosin zum ersten Mal. Nach einer Scheidung versucht es das Paar zehn Jahre später noch einmal miteinander, aber die Ehe funktioniert wieder nicht, 1964 gibt es die zweite Scheidung.

Andere Männer treten in das Leben von Annemarie König, aber mit Heinz Rosin feiert sie schließlich im Oktober 2013 ihre Diamantene Hochzeit – natürlich ohne wirklich mit ihm verheiratet zu sein. Dazwischen liegt ein wechselvolles Leben, das Annemarie König unter anderem in den 60er Jahren auch nach Neukirchen-Vluyn in die Mozart­straße und später nach Niedersachsen führt. Im Jahr 2000 beschließen ihre Kinder, sie nach Düsseldorf in ihre Nähe zu holen. Auch heute, vier Jahre nach dem Schlaganfall, ist Annemarie König voller Tatendrang. Sie schreibt: „Aufgeben kann ich immer noch nicht, und was ich bis heute erreicht habe, besonders was den Zusammenhalt unserer Familie angeht, das muss mir erst einmal einer nachmachen.“